Storytelling Workshop: Ein Erfahrungsbericht

Storytelling Seminar in Köln. Mädchen mit fliegenden Haaren und Seifenblasen

Ein Erfahrungsbericht aus dem digital Storytelling- Projekt „Voices in between“ von Ferdaous Kabteni 

Als Kind hatte ich immer diesen Traum vom Fliegen. Durch das Fenster hinaus in die weite Welt. Nicht zu weit, nur soweit wie ich den Weg zu meinem trauten Heim zurückfand. Sogar im Traum war ich verkopft und trotzdem fühlte ich mich unbeschwert und frei wie eine Pusteblume. Vom Fliegen träume ich schon lange nicht mehr. Stattdessen stelle ich mein Handy auf Flugmodus, wenn ich mir die Freiheit nehme, gerade nicht erreichbar sein zu wollen. Verrückte Welt. Peter Pan hatte Recht damit, nicht Erwachsen werden zu wollen, und dabei gab es im Nimmerland nicht einmal diesen digitalen Hokuspokus. Nur Captain Hook, Tinker Bell, Wendy und der Traum vom Fliegen. Tolle Geschichte denke ich und blicke in die Runde.

Was ist „Digital Storytelling“ eigentlich?

Es ist Samstag in der Früh und ich sitze mit fünf weiteren Teilnehmern in einem Workshop zum digitalen Geschichten-Erzählen – mit nichts außer Flausen im Kopf. Dabei wurde uns im Vorfeld angeraten, eine Geschichte vorzubereiten oder zumindest eine Idee für eine zu haben. Eine Geschichte über sich selbst und was einen als Mensch auszeichnet. Was es über mich zu erzählen gibt? Wahrscheinlich so einiges. Es wird nicht einfach einen Teil meines Lebens auf höchstens dreihundert Wörter herunter zu brechen. Ich frage mich, ob die anderen Teilnehmer schon ein Skript parat haben. „Digital Storytelling“, erklärt die Trainerin, „ist die Symbiose zwischen moderner Technik und der tradierten Kunst des Geschichten-Erzählens, an dessen Ende ein drei-minütiges Video herauskommen soll“, untermauert mit der eigenen Stimme. Avantgardistisch! Vielleicht ist es auch nur eine weitere Möglichkeit, dem narzisstischen Treiben unserer Zeit ein zusätzliches Werkzeug in die Hände zu geben, denke ich kritisch.

Zeit für sich selbst

Dann geht es an die Arbeit. Anhand von einigen Kreativ-Übungen, bei denen es darum geht, in sich hinein zu horchen, in Erinnerungen zu schwelgen, versuchen wir uns an unsere Geschichten heranzutasten. Es geht um die eigene Kindheit und Jugend, geliebte Menschen und Orte und meinem Traum vom Fliegen. Plötzlich liegen alle Emotionen ausgebreitet vor mir. Es ist, als würde man einer längst vergessenen Seite von sich selbst wiederbegegnen. Notgedrungen sieht man sich der Frage gegenüberstehen: Bin ich zufrieden mit dem Menschen vor dem Spiegel? Bin ich das geworden, was ich sein wollte oder habe ich den Kampf um Integrität unterwegs längst verloren?

Selbstoptimierungswahn. Konsum. Burn-out.

Es wird klar, dass weder ich noch die Anderen im Raum mit diesem Tiefgang gerechnet haben. Dieser ist unabwendbar, um eine authentische Geschichte zu erzählen. Wir sind so sehr damit beschäftigt, nicht die Kontrolle über unsere Gefühlswelt zu verlieren, dass wir uns keine Zeit mehr nehmen können für Kreativität und Zerstreuung. Selbstoptimierungswahn. Konsum. Burn-out. Wir hetzen durch das Leben, getrieben von der Illusion immer auf dem neusten Upgrade sein zu müssen. Der Kopf, die To-do-liste, der Cloud-Speicher ständig voll.

Öfter auf Flugmodus schalten

Mir wird klar, warum ich nicht mehr vom Fliegen träume. Das Leben bürdet uns im Laufe unserer Reise eine Menge Ballast auf und wir zahlen bereitwillig dafür. Mit jedem Kampf, den wir verlieren, jedem Traum, der platzt, mit dem „zu Viel vom Belanglosen“ und dem „zu Wenig vom Gehaltvollen“ verlieren wir unsere Unbeschwertheit und Leichtigkeit. Um uns selbst wieder spüren zu können, sollten wir öfter auf Flugmodus schalten, Inne halten und Übergepäck über Bord werfen. Reduktion aufs Wesentliche. Das geht manchmal auch in nur drei Minuten, digital auf Video.

Tragende Geschichten

Tragende Geschichten entstehen aus Erlebnissen, die uns stärker gemacht haben. Eine Geschichte reicht schon, um uns zu ermutigen, weitere Hürden zu nehmen, uns Ziele zu setzen, uns in widrigen Situationen tapfer zu schlagen. Die tragenden Geschichten bauen aufeinander auf. Wenn man sie in 3D drucken könnte, so wäre das Endergebnis ein maßgeschneidertes Paar Flügel.

 

Was ist Deine tragende Geschichte? Möchtest Du sie auch erzählen und als digitale Geschichte festhalten? Wir sind für Dich da: info@storyatelier.org

 

Erfahrungsbericht: Digital Storytelling Workshop mit Senioren

Storyteller Frauenfigur mit geschlossenen Augen und einem kreisrund geöffneten Mund. Jede Menge Kinder in den Armen und auf dem Schoß.

Bereits im Projekt Voices in Between haben wir diesen Reichtum genutzt und die Teilnehmer eingeladen, in einzelnen Beiträgen auf dem Blog Charme und Melone, weitere Geschichten in Wort und Bild zu entfalten. Gerade hat StoryAtelier in Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule Köln einen ersten Workshop mit sechs Teilnehmern der Studie DenkSport durchgeführt. Die Studie untersucht den positiven Effekt von Sport auf die potenzielle Entwicklung von Demenz. Wir wurden durch diese sechs starken Persönlichkeiten immens bereichert. Gleich am ersten Tag erzählte uns Renata die Geschichte einer besonderen Tonfigur. Am zweiten Tag brachte sie sie mit. Am dritten Tag baten wir sie, diese Geschichte für uns festzuhalten. Am fünften Tag schrieb sie sie für uns und für alle anderen auf, die unseren Blog lesen, mögen und hoffentlich auch weiter teilen!

Ein kollektives Erfolgserlebnis

Ein Gastbeitrag von Renata Lück

Nun ist es also vorbei. Die Zeit des Schreibens und Gestaltens hat mit der heutigen Vorführung ihr vorläufiges Ende gefunden. Mit großer Spannung haben wir auf diesen Moment gewartet. Jeder von uns war ziemlich aufgeregt – wann hat man auch Gelegenheit, ein Stück Lebensgeschichte vor so vielen Menschen preis zu geben. Alle sechs Geschichten hatten so viel Tiefgang, waren so berührend. Wenn auch alle gänzlich unterschiedlich, waren sie am Ende durch die Offenheit und Authentizität sehr ähnlich. Durch den Feinschliff, den unsere Geschichten durch die wunderbaren Seminarbegleiterinnen erfuhren, wurde dieser Eindruck noch verstärkt. Die Besucher der Vorführung zeigten sich von den Filmen tief berührt. Sie brachten dies mit bewegenden Worten zum Ausdruck. Der Überraschungsfilm am Ende war ein wohl gelungener und liebevoller Abschluss. Mit viel Fingerspitzen- und Feingefühl wurden kleine Videos und Bilder aus dem Workshop gezeigt, die den Werdegang der einzelnen Arbeiten deutlich machten.

Storyteller: Die Geschichte hinter der Tonfigur

Dem Überraschungsfilm lag eine kleine Tonfigur zugrunde, die eine eigene Geschichte hat… Diese Geschichte spielt im Jahr 1985. Wir waren auf einer Rundreise durch den amerikanischen Westen. In Arizona hatte uns der Grand Canyon mit seiner unermesslichen Schönheit und Weite in sprachloses Staunen versetzt. Nun wollten wir uns mit den Lebensverhältnissen der indianischen Ureinwohner vertraut machen. Der krasse Gegensatz zu der Postkartenlandschaft des Grand Canyon war gewaltig.

Tradition der Native Americans

In einem Reservat standen dicht gedrängt kleine Buden und Verkaufsstände, an denen Kunsthandwerk jedweder Art angeboten wurde. Die Touristen strömten in Scharen an den Ständen vorbei. Es war eine unwirkliche Atmosphäre. Die Native Americans wurden regelrecht zur Schau gestellt. Es war ihnen nicht erlaubt, außerhalb des Reservats ihrer Arbeit nachzugehen. Das US Gouvernement hatte ihnen auf ihrem angestammten Land ein winziges Stück zugewiesen. Sie waren wie eingepfercht. Es wurde uns bewusst, dass auch wir zu den gaffenden Touristen gehörten. Kein schönes Gefühl. Ein Stand mit außergewöhnlichen Tonfiguren zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Viele Figuren in unterschiedlichsten Größen und Ausfertigungen verteilten sich auf den Regalen. Sie hatten alle eins gemeinsam. Frauenfiguren mit geschlossenen Augen und einem kreisrund geöffneten Mund. Jede Menge Kinder in den Armen und auf dem Schoß.

Wissensvermittlung durch Geschichten erzählen

Eine junge Native American saß im hinteren Teil der Bude und formte die Tonfiguren. Auf unsere Frage, ob wir ihr eine Weile zuschauen dürften, bot sie uns Plätze an und lud uns ein, eine Weile bei ihr zu sein. Neugierig fragte ich sie nach der Bedeutung der Figuren. Sie erzählte uns, dass die Indianer ihr Wissen und ihre Weisheiten sowie ihre Geschichten immer mündlich von einer Generation zur nächsten weitergeben. Einzige Ausnahme sind Wandmalereien in alten Felsenhöhlen. Es gibt keine schriftlichen Überlieferungen.

Frauenfigur verkörpert die große Mutter

Die Frauenfigur verkörpere die große Mutter, die ihre Weisheit aus ihrem Inneren – daher die geschlossenen Augen – aus vollem Herzen und mit weit geöffnetem Mund an ihre Nachkommen weitergibt. Die Kinder in ihren Armen und auf ihrem Schoß stehen für die vielen Generationen. Je mehr die junge Frau erzählte, desto mehr leuchteten ihre Augen. Die Liebe und tiefe Verbundenheit zu ihren Ahnen war fühlbar. Sie erzählte uns, dass sie es als Auftrag der Ahnen sehe, die Figuren herzustellen und zu verkaufen. So werde die Tradition gewahrt und der Lebensunterhalt gesichert. Sie nennt sie „ the Storyteller“! Das alles erzählte sie uns auf eine ganz natürliche und schlichte Weise. Nie werde ich die leuchtenden Augen in dem jungen, weisen Gesicht vergessen. Ich bat sie, eine Figur für mich auszusuchen, die nach ihrer Meinung zu mir passe. Sie legte mir „the Storyteller“ in die Hände. Für mich war dies die Einladung, von nun an das Wissen der Frauen weiter zu geben. So durfte ich einen Teil der großen Traditionen der Indianer in mein Leben übernehmen.

Ein Geschenk an die Frauen von StoryAtelier

Heute habe ich diese Tradition mit großer Freude weiter gereicht. Die kleine Figur ist in den Besitz der Frauen vom StoryAtelier übergegangen – wo sonst soll denn ein“ Storyteller“ auch hingehören!!! Ich danke den wunderbaren Frauen des StoryAteliers, dass sie mir das Geschenk des Annehmens gemacht haben. Übrigens: Die indianische Künstlerin stellt immer noch Tonfiguren her. Sie hat sich zu einer namhaften Künstlerin entwickelt und lebt heute in New Mexico.

Harissa – Achtung scharf! Über Vorurteile und Klischees

Scharfe, rote Pepperoni. Essen in Tunesien.

Ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni für die tunesischen Wochen bei Charme und Melone.

Entzugserscheinungen auf Tunesisch

Endlich, das wohl verdiente Mittagessen erreicht den Tisch. Genüsslich blicke ich auf meinen Teller Spaghetti und will einen guten Appetit wünschen, als mir auffällt, dass mein Sitznachbar halb im Rucksack versunken ist und hektisch darin wühlt. Sicherlich wird es sich um etwas Wichtiges handeln, denke ich. Vielleicht ein Medikament, dass vor dem Essen eingenommen werden muss oder ein Handy für den absoluten Notfall, dass just in diesem Moment vibriert. Gerade, will ich mich erkundigen, ob alles okay ist, als Walid mit einem Seufzen der Erleichterung aus der Unterwelt auftaucht und demonstrativ seinen Fang auf dem Tisch platziert. Ungläubig schaue ich auf diese vertraute gelbe Tube mit dem roten Peperoni-Embleme und pruste auf vor Lachen. Das zusätzliche Utensil, dass nun den deutschen Esstisch ziert ist eine Tube Harissa, die extra aus Tunesien eingeflogen wurde, um dem vermeintlich faden deutschen Essen, weil nicht rot und scharf, die nötige Würze zu verleihen.

Harissa aus dem Fläschchen

Nicht nur, dass ich es absolut lustig finde, dass Walid seinen ganzen Forschungsaufenthalt über mit einer Tube Harissa im Rucksack durch Deutschlands Straßen flaniert, nein, der Soziologe bedient ein Klischee, dass seit jeher über das nordafrikanische Völkchen herrscht. Böse Zungen behaupten, dass der Tunesier, die Paprikapaste schon mit der Nabelschnur verabreicht bekommt. Wenn der Säugling dann erst auf der Welt ist, gibt’s Harissa direkt aus dem Fläschchen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der ausgewachsene Tunesier erst in Fahrt kommt, wenn das rote Benzin richtig scharf und rein ist, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Hauptsache scharf: Pepperoni in allen Variationen

Hier hat sich die Harissa du Cap Bon etabliert, die aus 87% scharfer Paprika, Kümmel, Koriander und Salz besteht. Tunesisches Reinheitsgebot. Zum Frühstück, zum Mittag, zum Abend! Es ist egal, solange das Brot, die Soße und der Couscous rot und scharf sind, mundet es dem tunesischen Gaumen. Mit der Zeit gewöhnt sich jedoch jeder noch so empfindliche Geschmacksnerv an die feurige Schärfe, weswegen sich der Tunesier verschiedenste Kreationen ausgedacht hat, um die einsetzende Schärfetoleranz zu senken. So gesellen sich in der tunesischen Esskultur, neben dem standardmäßigem scharfen Paprikagewürz (filfil ahmar) und den frischen grünen Peperoni im Essen, weitere Kreationen an filfil (Paprika; Chilli) auf dem Essen. Ob gegrillt (filfil mishwi), gebraten (filfil muqli) oder eingelegt (filfil bara’bid), der tunesischen Kreativität ist, was das Zubereiten und Zusammenwürfeln von Peperoni-Variationen angeht, keine Grenzen gesetzt.

Das klassische tunesische Sandwich

Während den Deutschen der Heißhunger eher auf etwas Süßes überkommt, entfaltet der Tunesier ein Verlangen nach scharfem Essen. Zum Beispiel nach einem klassischen, tunesischen Sandwich: Ein halbes Baguette mit Harissa beschmiert, Thunfisch, gegrillter Peperonisalat (slata mishwia), Tomaten-Gurkensalat und Pommes darauf und optional noch eine gebratene Peperoni on Top. Voilà, fertig ist der tunesische Casse-Croûte!

Tunesische Sprache: Ganz schön gepfeffert!

Der rote Harissa-Faden der sich durch das Essen zieht, äußert sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Ein warmherziger, herzlicher Mensch ist laut tunesischem Volksmund mfalfil, also gut gewürzt und scharf, wie es der Tunesier gern hat. Das Pendant hierzu ist masit, also fade und nicht würzig. Ein Mitmensch, der masit ist, ist wie wir in Köln sagen lepsch (läppisch) also einfach langweilig und humorlos. In Acht sollte man sich hingegen vor Peperoni und Menschen nehmen, die so scharf sind, dass man sich an ihnen verbrennt (yishwi). Ein Zeitgenosse, der bei seinen Mitmenschen gut ankommt ist mharhar. Also jemand, der mit der besonderen Prise an Schärfe gesegnet ist und aktiv, gesellig und leidenschaftlich durch das Leben kommt.

„Das leben ist wie eine Pralinen-Schachtel. Man weiß nie was man bekommt!“ sagte einst Forrest Gump. Auf Tunesien übertragen, ist das Leben wie ein Teller filfil muqli (gebratene Peperoni). Man weiß nie wie scharf es ist, bis man in eine hineinbeißt. Ein Kenner kann auf einem Blick die Schärfe ausmachen. Dies erfordert jedoch langjährige Peperonierxpertise. Über Klischees mag man denken was man will. Die einen entsprechen ihnen mehr, die anderen weniger. So oder so, sind Klischees mit Vorsicht zu genießen auch mit Peperoniexpertise.

Die Geschichte des Geschichtenerzählens

Die Geschichte des Geschichten erzählens. Grafik

In der Darstellung von Geschichtenerzählung hat der Mensch es in 30000 Jahren weit gebracht. Genau genommen von der Höhlenwand auf die Facebookwand. Die Kunst des Geschichtenerzählens hat sich seither nicht verändert. Die Art und Weise wie Geschichten erzählt, übertragen, vermittelt werden, ist jedoch in ständiger Evolution.

Der iPad-Geschichtenerzähler Joe Sabia stellt uns Lothar Meggendorfer vor, einen Erfinder, der im letzten Jahrhundert eine kühne Technik des Geschichtenerzählens erfand. Sabia zeigt uns, wie neue Technologien uns immer dabei geholfen haben, unsere eigenen Geschichten zu erzählen, von den steinzeitlichen Höhlenwänden bis zu seinem eigenen iPad auf der Bühne.

Gefährliches Halbwissen

Mädchen im Feld bei Sonnenuntergang.

Welche Folgen es haben kann, wenn man Gechichten nur von einer Seite beleuchtet, zeigt dieses schöne Beispiel von Chimamanda Ngozi Adichie, feministische nigerianische Schriftstellerin.

Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren. Mit 19 Jahren wanderte sie in die USA aus, studierte Kommunikations- und Politikwissenschaften und machte an der Yale University einen Master in Afrikanistik. Adichie gilt als eine der großen Stimmen der jungen Weltliteratur. Ihre Romane waren für den Booker-Preis nominiert und für „Die Hälfte der Sonne“ erhielt sie 2007 den Orange Prize for Fiction. Sie steht auf der Liste der „20 besten Schriftstellern unter 40“ des „New Yorkers“ und ihr aktuellster Roman „Americanah“ wurde zu einem der fünf besten Romane des Jahres 2013 gewählt. Außerdem wurde ihr für diesen Titel der Heartland Prize for Fiction verliehen. Die Autorin lebt heut in Lagos und in den USA.

Auch in unserer Zeit ist es von größter Bedeutung Geschichten genau zu durchleuchten und verschiedene Quellen zu vergleichen. Nur ein Gesamteindruck bestehend aus vielen verschiedenen Einzeleindrücken ermöglicht nicht nur deduktives und induktives Denken sondern auch die Relativierung. Digital Storytelling kann hier einen wertvollen Beitrag leisten. Authentische Gechichten zu einem Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten ist aufklärerisch. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile!“

Human

Film Human. Afrikanische Frau.

Ein Gastbeitrag von Charme und Melone

“Every story is unique, but do we all have the same desires for LOVE, FREEDOM and RECOGNITION?”

This is the question Yann Arthus-Bertrand, french photographer is asking with his project “HUMAN”.
What are the driving forces of humanity? What keeps us fighting? Why do we continue to make the same mistakes?

“HUMAN” captures beautifully aerial shot landscapes of nature and humanity in contrast to close ups of people narrating their story. Stories of experiences, strokes of fate but also everyday life all over the world.

Stories are what keeps us alive. They are food to our soul.

Yann Arthus-Bertrand creates wonderful pieces of art in photography like “HOME”, “Plante Earth” or “La terre vue du ciel”. With his signature being the aerial filming and photography we become eyewitnesses of earth’s beauty. His close up filming of faces becomes like his aerial filming too, a walk through delicacy of life. The narrated interviews invites to rethink our goals in life and to be thankful for what we have.

Gedächtnisweltmeister sind Storyteller

Abbildung Gedächtnis-Karten

Christiane Stenger ist eine deutsche Fernsehmoderatorin, ehemalige Nachwuchs-Gedächtnissportlerin und Sachbuchautorin.

In der Grundschule verweigerte Christiane Stenger den Unterricht und bekam Bauchschmerzen.
Durch Zufall entdeckten ihre Eltern Ihre Hochbegabung und schickten Sie an ein Internat für Hochbegabte, das Internatsgymnasium Schloss Torgelow.

Von 1999 bis 2003 wurde Christiane Stenger wiederholt Juniorenweltmeisterin im Gedächtnissport. Ihre Technik erlernte Sie in ihrer Jugend bei Gunther Karsten. Der Stern berichtet bereits 2014, dass man kein Überflieger sein muss, um die Techniken der Gedächtnisweltmeister nutzen zu können.

„Jeder kann das. Gedächtnisprofis sind zwar genial, hinter ihrer Merkfähigkeit steckt aber auch ein System.

Das Grundprinzip, das sagenhafte Gedächtnisleistungen ermöglicht, ist einfach: Was auch immer Sie sich merken wollen, müssen Sie im Geiste mit Bildern verknüpfen – und zwar möglichst fantasievoll und persönlich.

Das Gehirn behält Außergewöhnliches viel besser als Banales. Je merkwürdiger eine Assoziation ist, desto besser können Sie sich erinnern. Dieses Prinzip kann mit unterschiedlichen Techniken umgesetzt werden
Im Alltag gibt es viele Gelegenheiten, die Gedächtnistechniken auszuprobieren und anzuwenden – ob beim Vokabeln büffeln, Einkaufslisten merken oder Geburtstage erinnern. Testen Sie es!

SPIEL GEDÄCHTNISÜBUNG
Wie gut können Sie sich Begriffe merken?

Geschichtentechnik

Die einfachste Methode ist die Geschichtentechnik. Dabei verknüpfen Sie alle Informationen, die Sie sich einprägen möchten, zu einer möglichst lustigen und außergewöhnlichen Geschichte. Wollen Sie sich zum Beispiel die Einkaufsliste „Spaghetti, Tomaten, Limonade, Käse und Ananas“ merken, sollten Sie sich dazu eine Geschichte ausdenken. Ihrer eigenen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – je verrückter, desto besser.

Beispiel von Christiane Stenger:

Sie sehen vor sich eine Packung Spaghetti, die hinter den Tomaten hinterherläuft, um sie zu fangen. Dabei stolpert eine kleine Tomate über eine Limoflasche und fliegt in hohem Bogen auf ein Stück Käse und lässt sich von der Ananas trösten …“

Weitere Techniken stellt Christiane bei Gedankentanken vor:

Vom Vergessen und falschen Erinnern

Falsches Erinnern

Geschichten helfen uns nicht zu vergessen, doch warum vergessen wir Manches und an Anderes wiederrum erinnern wir uns, obwohl es unwichtig erscheint.

dasGehirn.info geht dem auf die Spur – ein Artikel von Hanna Drimalla

Wir vergessen Geburtstage, verlegen Schlüssel – und manches, an das wir uns erinnern, hat so nie stattgefunden. In unserem Gedächtnis geht so manches schief. Doch die Fehlleistungen geschehen nicht ohne Grund.

Wie wir vergessen

Im Alltag beruhen die meisten Gedächtnisfehler auf Geistesabwesenheit. Oft ist der Grund geringe Aufmerksamkeit, weil man parallel etwas anderes tut oder die Handlung automatisiert abläuft, wie etwa das Einräumen des Kühlschranks. Versuchen Sie doch einmal, sich zu erinnern, wie ein 1-Cent-Stück aussieht, das Sie schon so oft in den Händen hatten. Wenn man nicht darauf achtet, wie die Münze aussieht oder wo man den Autoschlüssel hinlegt, hält es auch das Gedächtnis für unwichtig und speichert die Information nicht.

Aber auch abgespeicherte Erinnerungen verblassen wie alte Fotos, wenn sie nicht regelmäßig abgerufen werden. Das liegt daran, dass das Gedächtnis dafür gebaut ist, unnötige und überholte Information zu vergessen. Würde sich das Gedächtnis alles merken, wäre es mit nutzloser Information überflutet. Dies zeigt der Fall des russischen Gedächtniskünstlers Solomon Shereshevsky, der sich minutenschnell Buchseiten, fremdsprachige Gedichte oder bis zu siebzig Zahlen merken konnte – dem es aber schwer fiel, die Informationen wieder zu vergessen. Regelrecht verfolgt fühlte sich Shereshevsky von dem Haufen sinnloser Erinnerungen in seinem Gedächtnis. Dem Gedächtnisprofi fiel es schwer, abstrakt zu denken, Inhalte zu generalisieren, zu ordnen und zu bewerten.

Normalsterbliche beschäftigen eher andere Probleme: „Wie heißt er noch gleich, der neue Kollege? Es liegt mir auf der Zunge!“ Dieses bekannte Phänomen ist das bestuntersuchte Beispiel für eine Blockierung. Die Erinnerung an ein Erlebnis oder eine Information liegt im Gedächtnis, aber lässt sich nicht abrufen. Dahinter steckt ein sinnvoller Mechanismus: die so genannte abrufinduzierte Hemmung. Das Gedächtnis hemmt dabei ganz gezielt Informationen, die in einer bestimmten Situation nicht von Bedeutung sind. Reden wir beispielsweise mit einem Freund über alte Schultage, werden andere Erinnerungen, die wir mit dieser Person gemeinsam haben, blockiert, so dass sie auch in späteren Situationen nicht mehr abrufbar sind. Würden alle Erinnerungen gleichzeitig das Gehirn überfluten, ginge das Wesentliche darin unter. Warum jedoch das Gedächtnis manchmal genau das Falsche blockiert, ist noch nicht eindeutig geklärt.

Erinnern mit rosaroter Brille

Doch selbst wenn wir uns erinnern, können wir unserem Gehirn nicht immer trauen. Das menschliche Gedächtnis färbt Erinnerungen mit den aktuellen Gefühlen und dem jetzigen Wissen – sie werden so den aktuellen Bedürfnissen angepasst. Wenn ein Paar etwa gerade glücklich miteinander ist, färbt sich auch die Erinnerung der Liebenden an die Vergangenheit rosig. Fühlen sie sich dagegen in der Beziehung nicht wohl, meinen sie zu erinnern, dass dies schon früher so war.

Aber nicht nur die aktuelle Stimmung verzerrt Erinnerungen, sondern auch Vorurteile: Bei afroamerikanischen Namen glauben US-Amerikaner eher als bei europäischen Namen, dass sie diese im Zusammenhang mit einem Verbrechen schon gehört hätten. Das Gedächtnis, zeigt sich, ist ein eher unzuverlässiger Geselle. Wenn Erinnerungen trügen Es kommt sogar noch schlimmer: Unser Gedächtnis verfärbt Erinnerungen nicht nur, es verfälscht oder erfindet sie sogar. Dafür verantwortlich sind Fehlattributionen und Suggestibilität. Bei einer Fehlattribution wird die Erinnerung der falschen Zeit, dem falschen Ort oder der falschen Person zugeordnet. Dass Donald Thompson der Vergewaltigung beschuldigt wurde, ist ein klassisches Beispiel hierfür. Aber auch ungewollte Plagiate beruhen manchmal auf Fehlattribution. So komponierte das Beatle-Mitglied George Harrison als Solist den erfolgreichen Song „My sweet Lord“. Doch die scheinbar eigene Idee war eine Kopie des Beatle-Songs „He’s so fine“. Die erinnerten Noten hatte Harrison fälschlich seiner eigenen Kreativität zugeordnet.

Ursache solcher Fehlleistungen ist das Bemühen des Gedächtnisses, sich nur das Wesentliche zu merken. Meistens ist die Quelle einer Erinnerung nicht so wichtig. Es ist oft entscheidender, dass man weiß, was jemand erzählt hat, als, wer es erzählt hat. Auch ist es in den meisten Fällen einfacher, ein Ereignis selbst zu erinnern, als den raum-zeitlichen Kontext, in dem es stattgefunden hat.

Bisweilen funktioniert unsere Erinnerung nicht ganz perfekt, wie der False-Memory-Test beweist: Wer sich die aufgeführten Worte merkt und später aufschreibt, wird auf seinem Zettel unter Umständen auch Worte finden, die er sich nicht gemerkt hat. Wie die meisten Gedächtnisfehlleistungen treten Fehlattributionen im Alter häufiger auf. Man spricht auch von einem altersbedingten Assoziationsdefizit. In einem Experiment aus dem Jahre 1995 können Sie testen, wie anfällig sie für diese Sünde sind (siehe Bild). Der Versuch stammt von den Psychologen Kathleen McDermott und Henry Roediger, die beide an der Washington University in St. Louis arbeiten.

Der Einfluss der Anderen

Auch bei der Suggestibilität erinnert das Gehirn etwas, das so nicht passiert ist. Ein bekanntes Beispiel ist die „Lost in the Mall“-Studie der Psychologin Elizabeth Loftus von der University of Washington: Darin wurde der Junge Chris von seinem älteren Bruder gefragt, ob er sich noch erinnere, wie er als Fünfjähriger im Einkaufszentrum verloren ging. Als der Junge verneinte, erzählte ihm sein Bruder davon. Nach einigen Tagen meinte Chris sich zu erinnern und konnte sogar den Mann beschreiben, der ihn zurück zu seiner Mutter brachte: „Ich glaube, er trug ein blaues Flanell-Shirt, war ziemlich alt, hatte einen Kranz grauer Haare auf dem Kopf und eine Brille.“

Diesen Mann jedoch gab es nie. Ebenso wenig war Chris je in einem Einkaufszentrum verloren gegangen: Loftus hatte den älteren Bruder gebeten, sich eine Erinnerung auszudenken und sie seinem Bruder zu erzählen. Das allein genügte, um Chris das Gefühl zu geben, diese Geschichte tatsächlich erlebt zu haben. In einer weiteren Untersuchung stellte Elizabeth Loftus fest, dass sich etwa ein Viertel der Teilnehmer bereits nach zwei Interviews, in denen sie auf bestimmte Erlebnisse aus ihrer Kindheit angesprochen wurden, an Ereignisse erinnert, die gar nicht stattgefunden hatten. Auch durch Hypnose oder Trauminterpretation lassen sich falsche Erinnerungen in das Gedächtnis der Patienten einpflanzen, entdeckte die Wissenschaftlerin. Doch veränderte Erinnerungen wirken sich nicht nur auf das Gedächtnis aus. Probanden, denen Loftus eingeredet hatte, ihnen sei als Kind von hartgekochten Eiern schlecht geworden, aßen danach weniger gerne Eier. „Wenn du eine Erinnerung veränderst, verändert sie dich“, betont Loftus. „Erinnern ist ein kreativer Prozess“

Wenn Erinnerungen quälen

Neben Vergessen und fehlgeleiteter Erinnerung kann auch eine allzu dominante Erinnerung Probleme bereiten. Wer unter der so genannten Persistenz leidet, kann den Abruf einer Erinnerung nicht kontrollieren. Sie drängt sich auf, lässt sich weder unterdrücken noch gezielt vergessen. Oft tritt Persistenz nach traumatischen Erlebnissen auf.

Auch emotionale Erlebnisse lassen übrigens Erinnerungen lebhafter werden. Verantwortlich hierfür ist die Amygdala, eine mandelförmige Struktur in der unteren Innenseite des Gehirns. Die Amygdala ist eine stammesgeschichtlich alte Struktur, die in einer Vielzahl von Spezies für das emotionale Lernen zuständig ist. Sie drückt emotionalen Erinnerungen den Stempel „Wichtig, nicht vergessen!“ auf. Man geht davon aus, dass das emotionale Lernen evolutionäre Vorteile hat.

Es klingt deprimierend: Vergessen, verformt und verzerrt sind unsere Erinnerungen. Doch der Gedächtniswissenschaftler Daniel Schacter korrigiert: „Die Sünden mögen nervig und gelegentlich gefährlich sein. Doch sie sollten nicht als Fehler im System betrachtet werden.“

Die Fehlleistungen zeigen, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert. Aus all der Information, die auf es einprasselt, filtert es das Wichtige heraus: Das, was neu ist, was man aufmerksam verfolgt, oft benötigt oder was einen emotional berührt. Was gerade unwichtig oder vertraut ist, hemmt das Gedächtnis oder beachtet es erst gar nicht, damit es nicht stört. Damit das Gehirn entscheiden und abstrakt denken kann, bündelt das Gedächtnis die Informationen thematisch, bildet Kategorien und fügt alles zu einem stimmigen Bild zusammen, das mit der aktuellen Bedürfnislage und unseren übergeordneten Handlungszielen in Einklang steht. So hilft uns das Gedächtnis, nicht nur Informationen abzuspeichern, sondern auch mit ihnen zu leben.

Für diesen Artikel wurde die Autorin Hanna Drimalla im Januar 2012 mit dem dritten Platz des Konrad-Duden-Journalistenpreises ausgezeichnet. Der Preis würdigt „eine herausragende sprachliche Berichterstattung“. Für diesen Artikel wurde die Autorin Hanna Drimalla im Januar 2012 mit dem dritten Platz des Konrad-Duden-Journalistenpreises ausgezeichnet. Der Preis würdigt „eine herausragende sprachliche Berichterstattung“.

Das Hirn braucht Helden

Helden Grafik.

Menschen brauchen Geschichten.

Geschichten helfen uns, uns selbst und unsere Umwelt zu begreifen. Wir erfassen alles um uns herum im Kontext. In der Wissenschaft nennt man das „Narrative Psychologie“. Man geht davon aus, dass der Mensch Ereignisse im Zeitablauf zu Geschichten verknüpft, um bestimmte Situationen in der Gegenwart zu begreifen. Das Gedächtnis spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Es erfasst Informationen besser, wenn sie in Geschichten verpackt sind. Voneinander losgelöste Einzelinformationen, machen es dem Gedächtnis schwer sie sich zu merken, denn das Hirn hat die schlechte Eigenschaft allem Bedeutung beizumessen. Mit Hilfe von Geschichten kann man besser zwischen wichtiger und unwichtiger Information differenzieren. Ausserdem helfen die Geschichten sich größere Menge an Informationen gleichzeitig zu merken.

Bevor jedoch etwas in der Erinnerungsdatenbank gespeichert wird, kategorisiert das Hirn in bereits Erlebtes oder Unbekanntes. Synapsen verknüpfen das gerade Erlebte mit bekannten Mustern und versuchen die richtige Verhaltensweise dafür zu finden. Unbekanntes, neu Erlebtes wird verglichen. Gibt es kein vergleichbares Gefühls-/Verhaltensmodell dafür, so greift das Hirn aber auch auf alte Muster zurück und entwickelt ein Neues. Das Hirn spiegelt aber auch Verhaltensweisen, das heißt es schaut sich Verhaltensmuster anderer Menschen ab.

Alle Geschichten sind immer nur Varianten von bekannten Geschichten. Es gibt nichts, was es noch nicht gab! Es gilt die beste Variante zu finden. Dabei folgen alle Geschichten einem Urmuster:
Problem – Lösungsversuch – Leidensdruck – Lösung.

In dieser universalen Geschichtsstruktur haben Helden die Hauptrolle. Sie helfen uns, uns hinein zu versetzen. Wir sind emphatische Wesen, die andere Menschen brauchen, um zu überleben. Sie machen die Geschichte lebendig und projezierbar. Jeder Held verkörpert bestimmte Eigenschaften, um komplexe Ideen wie Selbstlosigkeit, Stärke, Nächstenliebe, Gerechtigkeit etc symbolisch darzustellen. All diese Umstände befördern die Information in das Langzeitgedächtnis.

Der Wahrheitsgehalt einer Geschichte spielt dabei weniger eine Rolle, als die Wahrscheinlchkeit eines guten Ausgangs. Es geht um Glauben, nicht um Wahrheit. Viele nennen dies auch „Hoffnung“.

Informationsquellen: Das Hirn braucht Helden – Dr. Werner Fuchs, Hirnforscher