Spielen und Geschichten erzählen steckt in uns allen. Wenn wir beides zusammen machen, kann das helfen uns selbst besser zu verstehen und neue Prozesse inspirieren.

In diesem Sinne erlebten wir den zweiten Method Jam am 02. November 2018 im Coworking MaJourie. Diesmal war Merjam Wakili zu Gast und gab eine kleine und vor allem praktische Einführung in die Methodik des LEGO®SERIOUS PLAY® (LSP).

Während ich diesen Beitrag schreibe, durchlebe ich den schönen Abend noch einmal, ohne Rascheln, denn meine Steine sind nun Worte.

Mélina Garibyan Method Jam 2

Mélina und Reiner beim Method Jam 2

Merjam Wakili

Merjam Wakili ist in Afghanistan geboren und in Deutschland aufgewachsen. In ihrer Kindheit hat sie nicht mit Lego gespielt. Sie hat eine Kultur erlebt, die von Geschichten geprägt war. Namen kann sie sich schlecht merken, dafür wird sie sich an unsere Geschichten erinnern, die wir zu unseren Modellen erzählt haben.

Es geht um die Geschichte, nicht um Daten, Zahlen, Fakten, um das Gefühl, dass die Geschichte vermittelt. (Merjam Wakili)

Merjam hat Journalismus und Philosophie studiert. Sie war an vielen Orten der Welt unterwegs und hat für sich gemerkt, dass sie lieber Menschen trainiert, die mit Journalisten zu tun haben, als selbst Journalistin zu sein. Zuletzt arbeitete sie für die DW Akademie als Medientrainerin und Kommunikationsberaterin. Sie ist zertifizierte LEGO®SERIOUS PLAY® -Trainerin und startet gerade ihre Selbstständigkeit als Beraterin, Coach und Moderatorin.

Die Methode nutzt sie selbst in der Praxis, ist aber keine Lehrtrainerin. Im Workshop hat sie uns einen Einblick in ihre Arbeitsweise gegeben und gezeigt, was mit dieser Methode möglich ist. Dabei fand der Workshop auf zwei Ebenen statt:

  1. Praktische Erfahrung, wie Klienten LSP erleben.
  2. Meta-Ebene, was dahinter steckt und Merjams Sicht auf LSP.

Es ist Wakili-Style. Ich gebe euch das mit, was mir an der Methode wichtig ist. (Merjam Wakili)

Merjam Wakili und Mélina Garibyan

Merjam Wakili und Mélina Garibyan

Was ist LEGO®SERIOUS PLAY® Teil 1?

LEGO®SERIOUS PLAY® ist eine von Lego entwickelte Methode mit verschiedenen Einsatzmöglichkeiten. Es gibt zertifizierte Trainer, die unabhängig von der Firma LEGO® arbeiten und ihre Materialien auch nicht zur Verfügung gestellt bekommen. Merjam begegnet häufig Skepsis, dass sie Verkaufsveranstaltungen für LEGO® anbieten würde, dem ist nicht so.

Tatsächlich entwickelte LEGO® die Methodik aus einer Krise heraus. Während im eigenen Unternehmen Veränderungsprozesse notwendig waren, entstand die Idee, dass die bunten Steinchen eine gute Möglichkeit darstellen Veränderungsprozesse zu begleiten. Im Grunde ist LSP keine völlig neue Erfindung, denn die Methode basiert auf bereits bekanntem Wissen.

Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat. (Einstein)

Aktiviere dein Gehirn

Wenn wir mit unseren Händen aktiv werden, ist unsere rechte Gehirnhälfte aktiv. Diese ist unter anderem mit Intuition, Kreativität und ganzheitlichem Denken assoziiert. Während wir mit unseren Händen Modelle bauen und anschließend dazu eine Geschichte erzählen, aktivieren wir tiefes intuitives Wissen, welches häufig unter Struktur, Logik und gelernten Fakten verborgen bleibt.

Dieser Ansatz ist einer Teilnehmerin aus der Gestalttherapie vertraut.

Erlebe den Flow

Dieses Gefühl, wenn es einfach läuft! Es fühlt sich nicht nur gut an, sondern ist meist auch ein produktiver Prozess, wenn wir im „Flow“ sind. Der Flow Ansatz wurde von Mihaly Csikszentmihalyi beschrieben. Wer mehr darüber wissen mag, dem sei dieser Ted Talk mit ihm von 2004 empfohlen.

Auch von Montessori wurde der Flow bereits mit anderen Begriffen beschrieben. In kurz und knapp geht es darum, dass Kinder sich intuitiv die Materialien nehmen, die sie brauchen, daraus etwas Kreatives entstehen lassen und sich dabei weiter entwickeln.

Um eine Flow-Zone von außen zu stellen, braucht es die richtigen Anforderungen, das individuell passende Maß an Herausforderung an die vorhandenen Fähigkeiten. Ist die Herausforderung zu niedrig, entsteht Langeweile und Frustration. Ist sie dagegen zu hoch für die vorhandenen Fähigkeiten entsteht Stress oder Angst. Die optimale Flow-Zone liegt genau dazwischen.

Workshop Aufgabe – Baue eine Ente

Bereits zu Beginn des Workshops lag der Tisch voll mit LEGO® und wir haben unsere Hände bauen lassen, während wir Merjam aufmerksam zugehört haben. Entgegen der verbreiteten Meinung unter Lehrern ist es nämlich durchaus möglich, seine Hände zu beschäftigen und zuzuhören! Wenn beides miteinander in Verbindung gesetzt wird, kann dies sogar das Abspeichern von Wissen fördern.

Nach dem ersten theoretischen Teil wurde es Zeit für eine praktische Aufgabe. Diese versteckte sich in kleinen Adventskalender-Säckchen. Wir erhielten jeder ein Säckchen mit identischen Steinen (6 Stück!) und dieselbe Aufgabe: Baue eine Ente! Hierzu hatten wir nur eine begrenzte Zeit von 60 Sekunden.

Säckchen mit Legosteinen

Anschließend haben wir uns die Enten angesehen und keine glich der anderen. Merjam hat noch nie erlebt, dass es identische Enten gibt. Das zeigt wie einzigartig jeder einzelne ist, wie vielfältig unser individuelles Wissen ist.

Thomas, Mélina und die Enten

Thomas, Mélina und die Enten

Jeder erzählte, was er oder sie beim Bauen gedacht hatte. Es zeigte sich, dass jeder bei dem Begriff Ente andere Assoziationen hatte, die dann herausgestellt wurden. Ich musste zum Beispiel direkt daran denken, dass ich Flügel brauche. Offenbar hatte niemand diese Assoziation, was dazu führte, dass ich mich kurz fragte, ob ich mich vertan hatte und Flügel gar nicht das hervorstechende Merkmal von Enten sind. Direkt hatte ich ein Bild einer schwimmenden Ente im Kopf. Wir neigen sehr dazu in den Kategorien ‚richtig‘ und ‚falsch‘ zu denken, erklärte Merjam.

Alle Ideen sind wertvoll! (Merjam Wakili)

Jede Ente ist einzigartig!

Jede Ente ist einzigartig!

Was ist LEGO®SERIOUS PLAY® Teil 2?

Die Methode hat einen festen Ablauf und 7 Anwendungsfälle.

Core Process LSP

  1. Fragestellung
  2. Bauen
  3. Teilen
  4. Reflektieren

Die erste Herausforderung für den Trainer ist eine geeignete Fragestellung vorzugeben. Diese ist abhängig von der Auftragslage und in der ersten Phase eher allgemein gehalten. Manchmal wird auch früh deutlich, was ein akutes Thema ist. Ein Beispiel: „Wie sieht die interne Kommunikation aus?“.

In der Bauphase wird schweigend gearbeitet. Smartphones und alles andere außer LEGO® werden vom Tisch entfernt. Außerdem wird eine Zeit vorgegeben. Diese Bedingungen sollen den Flow ermöglichen.

Anschließend darf jeder seine persönliche Geschichte zum Modell erzählen.

In der Reflektionsphase dürfen alle anderen Fragen zum Modell stellen, ausdrücklich Fragen, keine Kommentare und schon gar keine Wertungen sind erlaubt. Manchmal versuchen andere Interpretation aufzuzwingen. Hier zeigt sich, wer wem was abspricht. Wir haben im Workshop selbst gemerkt, dass es nicht immer leicht ist, offene wertfreie Fragen zu stellen. Die Fragen selbst sind ein wichtiger Teil des Prozesses, ermöglichen sie, dass weitere Teile der Geschichte erzählt werden.

It is just plastic, you give meaning to it. You tell the story (Ausbilder von Merjam Wakili aus Amsterdam)

Die dritte und vierte Phase finden zirkulär statt. Die Antwort auf eine Frage kann wiederum eine neue Geschichte bzw. Fortsetzung sein. Daraufhin schließen sich weitere Fragen an.

Aufgaben des LSP-Trainers

Merjam gibt zu Beginn des Prozesses einen Impuls mit ihrer Frage. Dann wird sie zur Beobachterin, achtet darauf, dass die Regeln eingehalten werden: Ruhe in der Bauphase und der Fokus auf das Modell in der Reflektionsphase.

Erzähle deine Geschichte anhand des Modells.

Alle Teilnehmer werden immer wieder zurück geholt, versteckte Konflikte von der persönlichen Ebene auf das Modell runter gebrochen. Sätze wie „Du machst/ sagst doch immer“, sind tabu. Auf diese Weise werden Prozesse angestoßen, neue Impulse gegeben, die zu Veränderungen führen.  Wir hatten eine spannende Diskussion über die Erfahrung, dass man in ein Unternehmen geht, dort etwas anstößt, was nicht weiter geführt wird. Merjam geht vollkommen ergebnisoffen in jeden Workshop.

LSP ist auch im Einzelcoaching möglich. Dann kann auch in mehreren Sitzungen an einem Modell gearbeitet werden. Merjam gibt das Modell dann auch schon mal mit nach Hause, damit ihre Klienten sich damit weiter beschäftigen können.

Erst im Storytelling wird klar, was das eigene Modell wirklich bedeutet, dann zeigt sich das Zusammenspiel beider Gehirnhälften.

Merjam Wakili

Merjam Wakili

Der Trainer beobachtet und bildet Hypothesen, behält diese aber für sich. Erst später werden diese Gedanken als Impulsfragen zur Inspiration geteilt, wenn es darum geht auf einem Post-It das Motto zum eigenen Modell festzuhalten. Die Beobachtungen fließen auch in eine mögliche neue Fragestellung ein, wenn eine weitere Runde durchgeführt wird. Entscheidend ist, dass alle Überlegungen des Trainers Hypothesen sind! Es sind selbst wieder Interpretationen. Daher ist es auch wichtig, die eigenen Muster zu kennen. Die Beobachtungen beziehen sich nicht nur auf die erzählte Geschichte, auch auf die Bauphase und das Verhalten der Teilnehmer untereinander. Ein Trainer muss permanent präsent und aufmerksam sein, das Timing für Impulse ist wichtig.

Grundsätzlich gilt: Die Modelle sind etwas ‚heiliges‘. Es ist ein Übergriff an anderen Modell etwas zu verändern. Ein Trainer baut auch niemals die Modelle in Anwesenheit der Teilnehmer auseinander.

7 Anwendungen von LSP

Die folgenden 7 Anwendungen haben alle den Anspruch, dass sie zu einem Ergebnis führen, mit dem der Kunde anschließend weiter arbeiten kann. In Gruppensettings sind für Merjam zehn Personen das Maximum. Werden die Gruppen größer, braucht es entsprechend weitere Trainer. Es werden dann mehrere Tische angeboten, um an derselben Fragestellung zu arbeiten. Der Grund ist einfach: Sie muss alle Teilnehmener begleiten und sich die individuellen Beobachtungen merken, um sie gegebenenfalls später als Impulse wieder rein zu spielen.

  • individuelle Modelle bauen
  • geteilte Modelle bauen
  • eine Landschaft gestalten
  • Verbindungen erstellen
  • ein System bauen
  • Krisen und Entscheidungen spielen
  • Einfache Richtlinien extrahieren

Für das Gestalten von Landschaften stehen große Platten zur Verfügung. Es wird gemeinsam überlegt, welche Agenten es gibt und wie diese zueinander stehen. Um Verbindungen darzustellen gibt es starre und flexible Elemente.

Beim Spiel um Krisen und Entscheidungen wird ein Notfall durch den Trainer vorgegeben. Dies kann zum Beispiel ein Erdbeben oder ein finanzieller Crash sein. Es geht dann darum, wie die Gruppe auf diesen Impuls reagiert, welche Entscheidungen getroffen werden.

Die Werte im letzten Anwendungsfall können beispielsweise Wahrhaftigkeit, Geduld, Flexibilität oder vieles mehr sein. Entscheidend ist herauszufinden, welche Werte für die Gruppe wichtig sind. Sie sind das Ergebnis des gemeinsamen Prozesses.

Praktische Aufgabe im Workshop

Vielleicht habt ihr selbst LEGO® zu Hause und könnt es einfach mal ausprobieren. Es gibt zwar spezielle LSP-Kästen, die man als Trainer bestellen kann. Im Grunde sind es aber vielseitige LEGO® Steine.

Die Fragestellung lautete:

Wie sieht für mich die IDEALE Auftragsklärung aus?

Wie sieht für mich die IDEALE Auftragsklärung aus?

Wie sieht für mich die IDEALE Auftragsklärung aus?

Hierfür hatten wir 7 Minuten Zeit. Die Aufgabenstellung wurde als unterschiedlich schwierig empfunden. Nicht miteinander zu reden war auch nicht ganz so einfach. Allein die Suche nach den Steinen ist ein kooperativer Prozess.

Im Anschluss haben wir nacheinander die Modelle vorgestellt und anhand des Modells die Impulsfrage beantwortet. So vielfältig die gebauten Modelle waren, so waren es auch unsere Geschichten. Ich habe das als sehr inspirierend empfunden und da ich mein Modell als letzte vorstellen durfte, musste ich mir einen Moment nehmen, um mich von dem Gehörten zu distanzieren, damit ich wirklich meine eigene Geschichte erzähle. Ein paar Überschneidungen hatte es gegeben und doch war jede einzelne Geschichte einzigartig. Die Geschichten der anderen kann ich nicht authentisch wiedergeben, um ein Beispiel zu geben, verlinke ich meine eigene.

Die Galerie zeigt die wunderbare Vielfalt der entstandenen Modelle:

Die Fragen zu den Modellen waren ebenfalls inspirierend und haben einen Austausch angeregt. Allerdings war auch hier die Neigung zur Wertung und Interpretation vorhanden. Dies braucht Übung, nicht nur als LSP-Trainer, auch in allen anderen Trainings-, Beratung- oder Coachingskontexten in denen wir Teilnehmer arbeiten.

Für wen ist LSP geeignet?

Grundsätzlich ist LSP für jeden geeignet! Es ist interkulturell einsetzbar und braucht keine Vorkenntnisse im Umgang von LEGO®. Skepsis, gerade bei Teilnehmern im Unternehmens-Kontext, ist vollkommen normal und legt sich meist dann, wenn sie die Steine in der Hand haben.

Im Gegensatz zu unserem Method Jam fehlen in einem Workshop die theoretischen Hintergründe. Die Methode wird nicht ausführlich vorgestellt. Stattdessen werden kurz die Regeln erläutert, dann gibt es direkt die Fragestellung und das Bauen kann beginnen.

Hände greifen nach Legosteinen und bauen

Interessant waren die unterschiedlichen Erfahrungen zur Geräuschkulisse, die wir in der Gruppe gemacht haben. Wir alle haben Dinge gebaut, ohne dazu aufgefordert gewesen zu sein. Die Finger haben nach Steinen gegriffen und Dinge geschaffen. Dabei ergab sich eine LEGO® typische Geräuschkulisse, die unterschiedlich wahrgenommen wurde. Manchen war es unangenehm laut, andere haben es als angenehm oder nicht besonders wahrgenommen.

In der abschließenden Blitzlicht-Runde hat sich gezeigt, dass wir alle mit unterschiedlichen Inspirationen rausgegangen sind.

Mélina Garibyan und Merjam Wakili, Leo Serious Play

MethodJam

Dies war erst das zweite Method Jam, weitere sind in Planung. Hast du auch eine interessante Methode, die du gerne einer Runde von maximal 10 Teilnehmern vorstellen möchtest? Dann schreibe uns gerne eine Mail an info (at) storyatelier (dot) org mit dem Betreff „Method Jam“.

Über den nächsten Termin informieren wir wieder über unsere Webseite und Social Media Kanäle.  Haltet die Augen offen, es wird sicher wieder interessant!

Jedes Method Jam ist eine eigenständige Veranstaltung. Die Teilnehmer beim zweiten Treffen waren komplett andere, als beim ersten Mal. Das kann, muss aber nicht sein. Komm zu den Themen, die für dich interessant sind. Dabei sein, mitmachen, gemeinsam lernen und vernetzen ist die Idee.

Lego Serious Play (LSP) Workshop

Stephanie Braun, Bloggerin (kleiner Komet) und Psychologin mit Liebe zu Geschichten
Rundum Storytelling Köln. Junge sitzt auf einer Mauer.

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