Ein Gastbeitrag von Majed Mihoub von Voices of Jasmine e.V. für die tunesischen Wochen.

Ich schaue zwischen meine Finger hindurch. Erinnerungen an den Geruch von Staub und Metall drängen sich auf. Ich sehe eine kleine Mauer und da ist auch dieser Jasminstrauch und das Gefühl eines unbefangenen idyllischen Morgens. Ein Morgen durchtränkt mit dem süßen Duft des Jasmin. Er ist überwältigend! Er schickt mich auf eine Zeitreise zurück in eine unbeschwerte Kindheit. Alles erschien damals so klar und einfach. Mit meinem Bruder und meinen Cousins sammelten wir jeden Morgen diese zerbrechlichen, noch verschlossenen Jasminblüten in alten Konservendosen von aufgebrauchtem Tomatenmark. Ein Dinar für jede gehäufte Dose, hieß es! Das war damals mein erstes, selbst verdientes Geld! Später wurden diese Blüten zu Mashmoum gebunden und von kleinen Jungen am Straßenrand und in Cafés verkauft. Die Erwachsenen erfreuten sich daran, indem sie ständig ihre Nasen hinein steckten. Wie wohltuend und süß war dieser Geruch?!

Schicksalhafter Jasmin!

Wie konnten wir uns bloß soweit von deiner Süße und Güte entfernen? Einige Sommer füllten sich unsere Konservendosen, bis wir das Pflücken aufgaben und selber zu diesen Heranwachsenden wurden. Zu Hochzeiten wird dieser einfache Strauß größer und prachtvoller! Er symbolisiert Hoffnung auf ein süßes Leben. Auch zu meiner Hochzeit übergab man mir einen solchen Strauß. Schicksalhafter Jasmin! Ich erinnere mich noch genau, wie ich während meiner Hochzeit diesen Mashmoum in meiner Hand hielt und mit jedem Zug ein wenig mehr in die Vergangenheit eintauchte. Dieses mal, bevor ich mich gedanklich wieder auf der Mauer befand, von wo aus man am besten an die Jasminblüten herankam, verdichteten sich viele chaotische Bilder. Bilder von schreienden, weinenden und wütenden Menschen. Revolution! Es umklammerte mich diese eine Frage, die bis Heute auf eine Antwort wartet: Was wäre wenn die Hoffnung gerade mal groß genug wäre, dass sie zwischen Zeigefinger und Daumen passt. Wären wir nicht überrascht, wie einfach wir sie greifen könnten? Einfach in eine schützende Konservendose legen und aus ihr wieder und wieder einen wunderschönen und wohlriechenden Mashmoum binden. Als Kind erleben wir Rituale dieser Art als Momente unendlicher Glückseligkeit.

Ich habe den Eindruck, als könnten wir all diesen kleinen unscheinbaren Dingen keine Beachtung mehr schenken. Ständig suchen wir nach dem Übergeordneten. Nach dieser einen großen Lösung, die alles verändern wird. Dem Großen Ganzen nachjagend, erleben wir letztlich unsere größten Enttäuschungen. In unsicheren Zeiten werfen wir gerne einen kurzen Blick zurück. Was ist aus diesem Jungen und seiner Konservendose geworden? Was wird er wohl gerade tun? Er ist noch da! Er streckt gerade in diesem Moment seine Hand aus, und greift mit seinem Zeigefinger und Daumen nach einer Jasminblüte, nach der Hoffnung, und legt sie in die schützende Konservendose.

 

Rundum Storytelling Köln. Junge sitzt auf einer Mauer.

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