VOICES IN BETWEEN – Vom Dunkel ins Licht

VOICES IN BETWEEN – Vom Dunkel ins Licht

 

Wir beenden die Reihe „VOICES IN BETWEEN“ mit einem letzten, sehr starken Video von Kais, einem weiteren Gründungsmitglied von Voices of Jasmine e.V.. Mit seiner digitalen Geschichte spricht er Gefühle aus, die viele Menschen empfinden. Die Trauer darum, dass das eigene Land nicht mehr das ist, was es mal war. Das Land aus Kindheits-erinnerungen. Viele Träume und Wünsche mussten Platz machen für die Wirklichkeit, auch hier in Deutschland. Dennoch ist die Aussicht seiner Geschichte durch und durch positiv, denn die Revolution war für ihn und seine Freunde die Geburt des Vereins Voices of Jasmine. Wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich bei den wundervollen Menschen von Voices of Jasmine e.V., die mit ihrem Talent, Ihren Geschichten und ihrer positiven Weltanschauung bewegt haben.

’Ashiya – Der abendliche Sommerwind. Kindheitserinnerungen aus den Sommerferien.

’Ashiya – Der abendliche Sommerwind. Kindheitserinnerungen aus den Sommerferien.

Ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni, Gründungsmitglied Voices of Jasmine e.V., für die tunesischen Wochen.

„Du weißt was mit kleinen Mädchen passiert, die ihre Siesta nicht machen! Die Tigaza kommt sie holen!“ „Aber Mima Zohra, ich bin doch gar nicht müde!“ Ich wehrte mich mit Händen und Füßen gegen dieses alltägliche Ritual meiner Großmutter. Es quälte mich um zwei Uhr nachmittags einen Mittagsschlaf halten zu müssen. Schließlich habe ich nicht umsonst das ganze Jahr über die Tage rückwärts gezählt, um in meiner geliebten Heimat, bei meiner Familie sein zu können. Und da soll ich jetzt schlafen?

In den Sommerferien wird nicht geschlafen

Die tunesische Mittagssonne ist zwar wirklich brennend heiß, aber ich wollte und konnte mich einfach nicht hinlegen. Das meine Großmutter bereits seit dem Morgengrauen auf den Beinen war, um frisches Brot aus dem Steinofen zu backen, den Hühnerstall zu säubern oder einen Berg Schmutzwäsche von Hand zu waschen, interessierte mich herzlich wenig. Ich wollte mit Opa spielen, ans Meer fahren und dabei ein erfrischendes Eis schlecken. Aber dann hieß es, ich solle mich bis zur ’Ashiya gedulden, wenn die Sonne tiefer am Himmel hängt und der Wind das Dorf von der glühenden Mittagshitze befreit. Also übte ich mich im Geduldig sein. Ich wartete bis meine Großeltern, Onkel und Tanten ins Schlummerland eintraten und schlich mich heimlich auf die Veranda. Das Haus meiner Großeltern stach mit seinen hohen Decken, großen Fenstern und dem Walmdach mit den kaminroten Dachziegeln in der ganzen Straße hervor. So ganz untypisch für den klassischen arabischen Flachdach-Baustil. Ein Andenken aus der französischen Protektoratszeit.

Ein Vakuum aus gähnender Langeweile und zeitloser Leere

Eine gefühlte Unendlichkeit saß ich auf den heißen Treppenstufen und wartete auf meine Retterin, der ’Ashiya. Der Blick abwechselnd von der Straße auf den Jasminstrauch und wieder zurück gerichtet. Nichts. Nichts regte sich. Anstelle von Kinderlärm, Hup- und Motorgeräuschen, machte sich eine erdrückende Stille breit. Ich fühlte mich wie in einem Vakuum aus gähnender Langeweile und zeitloser Leere. Selbst die Jasminblüten verschlossen sich, als wären sie ebenfalls gezwungen worden eine Siesta zu halten. Aber dann irgendwann zwischen vier und fünf Uhr kam sie endlich. Die erlösende ’Ashiya. Die Luft stand nicht mehr still. Man hörte die ersten Mofas in der Gegend herumdüsen und der dezente Duft von Jasmin verteilte sich in der Luft. Durchatmen.

Lachen. Weinen. Reden bis tief in die Nacht.

Jetzt lief die Zeit im Schnelldurchlauf. Meine Tante öffnete die Fensterläden und huschte in den Garten um kaltes Brunnenwasser für den täglichen Verenda-Putz zu holen. Da sich der Dreh- und Angelpunkt des sommerlichen Familientreibens auf der Veranda abspielte, musste diese auch täglich vom feinen Sand befreit werden. Das kalte Brunnenwasser kühlte ganz nebenbei den heißen Fliesenboden und meine kleinen Kinderfüße ab. Währenddessen bereitete meine Großmutter tunesischen Tee auf dem Kanoun (kleiner, rundförmiger Steinkohle-Grill) zu. Ein starker Cay-Tee mit viel Zucker, Minze und dem besonderen tunesischen i-Tüpfelchen: Pinienkernen. Diese sammelten sich oben im Teeglas an und bahnten sich bei jedem Nippen einen Weg in den Mund. Köstlich! Sobald der Veranda Boden trocken war, breitete meine Tante einen großen Teppich aus Plastik auf dem Boden aus. Entlang der Hauswand, legte sie Matratzen und Kissen zum gemütlichen beisammen Sitzen aus. Im Zentrum des Geschehens die Midaa, ein kleiner runder Holztisch worauf im Laufe des Abends diverse Knabbereien und frisches Obst platziert wurden. Jetzt handelte es sich nur noch um wenige Augenblicke bis sich Baba Othman zu uns auf die Veranda gesellte und sich seinen nachmittäglichen Thé Aḥmar bei Oma abholte. Wie ich es geliebt habe, mich bei Opa einzukuscheln und mich mit liebevoll einzeln herausgefischten Pinienkernen aus dem Teeglas füttern zu lassen. Da saßen wir nun den ganzen lieben Abend zusammen. Familienangehörige kamen spontan zu Besuch um die Familie aus Deutschland wiederzusehen. Geschichten und kleine Geschenke wurden ausgetauscht. Lachen. Weinen. Reden bis tief in die Nacht.

Das erlösende Gefühl von ’Ashiya

Baba Othman und Oma Zohra, Gott habe sie selig, verstarben bereits vor langer Zeit. Aber es sind genau diese kleinen Erinnerungen, die mich eine tiefe Verbundenheit an das Heimatland meiner Eltern spüren lassen und sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben. Ich bin davon überzeugt, dass ich seit damals ein besonderes Faible für Wind entwickelt habe. Selbst wenn ich weit weg von Tunesien bin, habe ich jedes Mal wenn ich auf meinem Fahrrad am Rhein entlang fahre und mir der Wind durch die Haare bläst, das erlösende Gefühl von ’Ashiya.

 

Dieser Beitrag wurde erstellt in Kooperation mit Charme und Melone und Voices of Jasmine e.V. für die tunesischen Wochen 

 

 

Harissa – Achtung scharf! Über Vorurteile und Klischees

Harissa – Achtung scharf! Über Vorurteile und Klischees

Ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni für die tunesischen Wochen bei Charme und Melone.

 

Entzugserscheinungen auf Tunesisch

Endlich, das wohl verdiente Mittagessen erreicht den Tisch. Genüsslich blicke ich auf meinen Teller Spaghetti und will einen guten Appetit wünschen, als mir auffällt, dass mein Sitznachbar halb im Rucksack versunken ist und hektisch darin wühlt. Sicherlich wird es sich um etwas Wichtiges handeln, denke ich. Vielleicht ein Medikament, dass vor dem Essen eingenommen werden muss oder ein Handy für den absoluten Notfall, dass just in diesem Moment vibriert. Gerade, will ich mich erkundigen, ob alles okay ist, als Walid mit einem Seufzen der Erleichterung aus der Unterwelt auftaucht und demonstrativ seinen Fang auf dem Tisch platziert. Ungläubig schaue ich auf diese vertraute gelbe Tube mit dem roten Peperoni-Embleme und pruste auf vor Lachen. Das zusätzliche Utensil, dass nun den deutschen Esstisch ziert ist eine Tube Harissa, die extra aus Tunesien eingeflogen wurde, um dem vermeintlich faden deutschen Essen, weil nicht rot und scharf, die nötige Würze zu verleihen.

Harissa aus dem Fläschchen

Nicht nur, dass ich es absolut lustig finde, dass Walid seinen ganzen Forschungsaufenthalt über mit einer Tube Harissa im Rucksack durch Deutschlands Straßen flaniert, nein, der Soziologe bedient ein Klischee, dass seit jeher über das nordafrikanische Völkchen herrscht. Böse Zungen behaupten, dass der Tunesier, die Paprikapaste schon mit der Nabelschnur verabreicht bekommt. Wenn der Säugling dann erst auf der Welt ist, gibt’s Harissa direkt aus dem Fläschchen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der ausgewachsene Tunesier erst in Fahrt kommt, wenn das rote Benzin richtig scharf und rein ist, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Hauptsache scharf: Pepperoni in allen Variationen

Hier hat sich die Harissa du Cap Bon etabliert, die aus 87% scharfer Paprika, Kümmel, Koriander und Salz besteht. Tunesisches Reinheitsgebot. Zum Frühstück, zum Mittag, zum Abend! Es ist egal, solange das Brot, die Soße und der Couscous rot und scharf sind, mundet es dem tunesischen Gaumen. Mit der Zeit gewöhnt sich jedoch jeder noch so empfindliche Geschmacksnerv an die feurige Schärfe, weswegen sich der Tunesier verschiedenste Kreationen ausgedacht hat, um die einsetzende Schärfetoleranz zu senken. So gesellen sich in der tunesischen Esskultur, neben dem standardmäßigem scharfen Paprikagewürz (filfil ahmar) und den frischen grünen Peperoni im Essen, weitere Kreationen an filfil (Paprika; Chilli) auf dem Essen. Ob gegrillt (filfil mishwi), gebraten (filfil muqli) oder eingelegt (filfil bara’bid), der tunesischen Kreativität ist, was das Zubereiten und Zusammenwürfeln von Peperoni-Variationen angeht, keine Grenzen gesetzt.

Das klassische tunesische Sandwich

Während den Deutschen der Heißhunger eher auf etwas Süßes überkommt, entfaltet der Tunesier ein Verlangen nach scharfem Essen. Zum Beispiel nach einem klassischen, tunesischen Sandwich: Ein halbes Baguette mit Harissa beschmiert, Thunfisch, gegrillter Peperonisalat (slata mishwia), Tomaten-Gurkensalat und Pommes darauf und optional noch eine gebratene Peperoni on Top. Voilà, fertig ist der tunesische Casse-Croûte!

Tunesische Sprache: Ganz schön gepfeffert!

Der rote Harissa-Faden der sich durch das Essen zieht, äußert sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Ein warmherziger, herzlicher Mensch ist laut tunesischem Volksmund mfalfil, also gut gewürzt und scharf, wie es der Tunesier gern hat. Das Pendant hierzu ist masit, also fade und nicht würzig. Ein Mitmensch, der masit ist, ist wie wir in Köln sagen lepsch (läppisch) also einfach langweilig und humorlos. In Acht sollte man sich hingegen vor Peperoni und Menschen nehmen, die so scharf sind, dass man sich an ihnen verbrennt (yishwi). Ein Zeitgenosse, der bei seinen Mitmenschen gut ankommt ist mharhar. Also jemand, der mit der besonderen Prise an Schärfe gesegnet ist und aktiv, gesellig und leidenschaftlich durch das Leben kommt.

 

„Das leben ist wie eine Pralinen-Schachtel. Man weiß nie was man bekommt!“ sagte einst Forrest Gump. Auf Tunesien übertragen, ist das Leben wie ein Teller filfil muqli (gebratene Peperoni). Man weiß nie wie scharf es ist, bis man in eine hineinbeißt. Ein Kenner kann auf einem Blick die Schärfe ausmachen. Dies erfordert jedoch langjährige Peperonierxpertise. Über Klischees mag man denken was man will. Die einen entsprechen ihnen mehr, die anderen weniger. So oder so, sind Klischees mit Vorsicht zu genießen auch mit Peperoniexpertise.

Reise nach Tunis: Ein Blick hinter die Kulissen

Reise nach Tunis: Ein Blick hinter die Kulissen

Ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni. Für die tunesischen Wochen von Charme und Melone wird der Beitrag „Fliegt, Ihr seid frei!“ veröffentlicht. Dieser entstand am 15. November 2014 nach einem Aufenthalt in Tunesien für “Portraits der Jasmine-Generation” ein Kooperationsprojekt mit “Project Wallflowers“.

Fliegt, ihr seid frei!

Frühling, die Vögel zwitschern und der Duft von frischer Wandfarbe liegt in der Luft. „Vögel darf man nicht einsperren. Sie müssen frei sein um zu fliegen!“ sagt die kleine Dunja beim Betrachten der neubemalten Außenfassade des Jugendzentrums Ettahrir, dessen Mauern nun das schimmernde Federnkleid eines Vogelschwarms schmückt.

Es scheint ein perfekt-initiiertes Arrangement des Zufalls zu sein, dass unsere Reise in den gleichnamigen, tunesischen Stadtteil Ettahrir, die Befreiung, lenkt. Die Forderung nach der Befreiung von den Ketten eines despotischen Regimes, der immanenten Unterdrückung eines korrupten Staatsapparates und seines allgegenwärtigen Geheimdienstes, trieb das tunesische Volk vor mehr als vier Jahren auf die Straße und entfachte mit seinem Streben, einen weltweiten Hoffnungsmoment. Auch wir, ein Zusammenschluss sozial-engagierter Kölner, fühlten uns durch diesen Moment berufen, uns aktiv in den Demokratisierungsprozess einzubringen.

Aufbruch

Mit Farben und Fragen bewaffnet, ziehen wir in das Mutterland des arabischen Frühlings ein. Die Straße ist unser Schaffensort, der Pinsel unser Schlüssel um hinter die Mauern des Jugendzentrums und darüber hinaus zu blicken. Hier laufen sie an uns vorbei, die Zeitzeugen der Revolution. Sie halten an auf ihrem Weg und blicken neugierig auf das Neue, das in Begriff ist zu entstehen. Sie sind es, die damals die Geschichte mitgeschrieben haben und von ihnen wollen wir hören wie die Zukunft Tunesiens weitergehen soll. „Was hat sie gebracht, die Freiheit?“ wollen wir von all jenen erfahren, die angezogen vom farbenfrohen Leuchten der Wand zu uns strömen.

Ernüchterung

Einiges habe sich zum Positiven, einiges zum Negativen geändert, teilen uns die Einheimischen mit. Einigkeit herrscht jedenfalls darüber, dass im postrevolutionärem Tunesien der Begriff Freiheit viel Raum für Interpretation offen lässt. „Es hat sich so einiges geändert, vor allem die Menschen und ihr falsches Verständnis von Freiheit. Freiheit wird mit Anarchie gleichgesetzt!“ Meinungsfreiheit in nimmer endender Rede- und Diskussionsfreudigkeit“ sagt Soumaya, Biochemikern aus Tunis, die sich für einen Plausch zu uns an die Wand gesellt.

Ein Machtvakuum erstickt peu à peu den revolutionären Kern

Anfang 2014 schreibt das nordafrikanische Land abermals Geschichte: Nach langem demokratischem Ringen verabschiedet das tunesische Parlament, die bisher fortschrittlichste Verfassung der arabischen Welt, die die Freiheit des Gewissens, der Religion und der Meinung garantiert. Soviel zu den theoretischen Rahmenbedingungen. In der Realität erstickte ein Machtvakuum die anfängliche Euphorie peu à peu im revolutionären Kern. Innenpolitische Krisen, wirtschaftliche Instabilität, steigende Arbeitslosigkeits- und Inflationsraten überschatten den Transformationsprozess und den Alltag der tunesischen Bevölkerung, dessen Geduld am seidenen Faden hängt. Zeitweise schien die innenpolitische Situation ausweglos zu sein. Der Versuch der verfassungsgebenden Versammlung einen nationalen Dialog in die Wege zu leiten, scheitert angefangen von ideell-gesteuerten Machtinteressen über politische Führungsunfähigkeit der Ennahda-Partei bis hin zu vermeintlichen Sabotageaktionen ehemaliger RCD-Funktionäre (Ben Ali Partei).

Vorbei die Zeit der omnipräsenten Selbstzensur

Im post-revolutionären Tunesien wird kein noch so brisantes Thema mehr totgeschwiegen. Vorbei die Zeit der omnipräsenten Selbstzensur aus Angst in die Falle der Geheimpolizei zu treten. Stattdessen wird die neu gewonnene Presse- und Meinungsfreiheit auf allen medialen Plattformen zelebriert und zur Schau getragen. Und das unter dem kritischen Visier, eines gebrandmarktem Publikums, dass bereits seine bittere Lektion jahrzehntelanger Meinungs- und Autoritätsdiktatur erteilt bekommen hat.

Eine junge Demokratie gefangen im Netz des Misstrauens

„Problematisch ist, wenn ehemalige Regime-Anhänger strafrechtlich nicht geahndet werden und sich in Talkshows als Helden darstellen, wobei sie tatkräftig an der jahrzehntelangen Diktatur beteiligt waren! Das beleidigt nicht nur den tunesischen Intellekt, sondern es schürt Misstrauen gegenüber den Fähigkeiten des postrevolutionären Staatsapparates!“ stellt der 28-jährige Sozialpädagoge Marouen fest. „Solange auf eine konstruktive Art miteinander gesprochen und einander zugehört wird, ist Meinungsfreiheit eine gute Sache. Wenn aber auf Worte keine Taten folgen, bleiben sie nur heiße Luft!“ hält der 18-jährige Hichem (links im Bild) ernüchternd fest. Er weiß wovon er redet. Hichem ist einer der angehenden Journalisten des Jugendzentrums, die sich zur Aufgabe gemacht haben über mangelnde Rechtsstaatlichkeit, Selbstjustiz und positive Entwicklungen in der Cité Ettahrir zu berichten.

„Wir verbringen unser Leben wie Müll im Abfalleimer“

„Wir verbringen unser Leben wie Müll im Abfalleimer“ beklagen die tunesischen Rapper Kafon und Hamzaoui Med Amine in ihrem Youtube-Hit. Das im September 2013 veröffentlichte Youtube-Video Houmani wurde bereits millionenfach angeklickt und wurde über Nacht zur Hymne der Jugend. Der von Hamzaoui erfundene Begriff Houmani beschreibt den Alltag, der in Arbeitervierteln (Houma) lebenden Tunesier, die besonders häufig von Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit betroffen sind. Nicht die Zeit gibt hier den Takt an, sondern das leere Portemonnaie und dem daraus resultierenden Teufelskreis aus finanzieller Not, Improvisationskunst, Kleinkriminalität, Polizeikonfrontation, Alkoholmissbrauch und endlosem Zeit totschlagen. Houmani, ist jemand der dieser Misere aus eigener Kraft entfliehen will. An der Realität gebrochen, reiht er sich an die Reihe gescheiteter Existenzen an und lässt sich brüderlich trösten. Deswegen klagt der Song auch nicht an, sondern ist resigniert. Der Clip zeigt lachende Gesichter. Innerlich fühlt sich Houmani in die Enge gepfercht, erstickt, erdrückt, wie Müll im Abfalleimer.

„Die Luft ist raus! Wir haben einfach keine Lust mehr!“ sagt Khalid, der sich von seiner Kunst dem Rappen bisher noch nicht finanzieren kann. „Es gibt einfach zu viele gut ausgebildete Menschen in diesem Land, die keine Arbeit und Perspektive haben! Wenn man Beziehungen hat, gar zur Oberschicht gehört, ist es kein Problem sich in die Arbeitswelt einzuschleusen. Der Rest hat keine Chance! Also was das angeht, hat sich im postrevolutionären Tunesien nichts geändert, außer dass es den Armen und Bedürftigen aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten noch miserabler geht als zuvor!“

Alles hat seinen Preis, auch Freiheit. Immer häufiger hört man von jungen Tunesiern, die zum bewaffneten Widerstand nach Syrien ziehen. „Das ist nicht mein Tunesien. Wir sind ein friedfertiges, warmherziges Volk!“ sagt Rafika Nafti, Direktorin des Jugendzentrums Ettahrir. Das Jugendzentrum sei in Wirklichkeit viel mehr ein Zentrum des ganzen Viertels: ein Haus der Begegnung, mit sich selbst und mit Gleichgesinnten. „Wir sind hier so etwas wie eine große Familie!“ sagt Rafika mit einem warmherzigen Lächeln im Gesicht. Viele Frauen zählen zu den Besuchern des Zentrums. Sie besuchen Töpferkurse, Seidenmalerei oder lassen sich als Konditorin ausbilden, um sich einen kleinen Zuverdienst ermöglichen zu können.

Hoffnung

Bewaffnet mit Farbe, Stift und Papier begannen wir unsere Reise nach Tunis: Unsere Mission, das Porträt der Jasmin-Generation zu zeichnen. Wir wurden von Warmherzigkeit, Gastfreundschaft und Liebe entwaffnet. Es sind Menschen wie Hicham der Journalist, Sofien der Sozialarbeiter, Marouen der Sozialpädagoge, starke Frauen wie der Direktorin Rafika, die die Zukunft Tunesiens mit gestalten werden. All sie, wie sie mit strahlenden Augen vor der Mauer des Jugendzentrums stehen und die leuchtenden Vögel betrachten, geben uns Hoffnung auf eine bunte, friedvolle Zukunft.

Photo Courtesy of Project Wallflowers

VOICES IN BETWEEN – Faradies

VOICES IN BETWEEN – Faradies

Begleitet Ferdaous Kabteni vom Verein Voices of Jasmine. Inspiriert durch die Revolution in Tunesien wurde der Verein „Voices of Jasmine“ (VoJ) von jungen, sozial-engagierten Deutsch-Tunesiern im Jahr 2013 in Köln gegründet. VoJ versteht sich als Sprachrohr für gesellschaftliche Bewegungen und Ideen, die soziale Gerechtigkeit im Sinne des freiheitlich-demokratischen Wertesystems aufgreifen, thematisieren und diskutieren.

Mit wunderschönen Bildern im Koffer und vielen wirren Gedanken entstand diese wunderbare digitale Geschichte. Trotz der postrevolutionären Ernüchterung und einer scheinbar ausweglosen, lethargischen Situation, in der sich die Tunesier heute befinden, schafft Ferdaous Kabteni es mit den Co-Mitgliedern von Voices of Jasmine e.V. Kraft daraus zu schöpfen, um wunderbare, motivierende Projekte auf die Beine zu stellen. Ihre digitale Geschichte war Motor für das Projekt “VOICES IN BETWEEN” und die tunesischen Wochen auf dem Blog von Charme und Melone.

VOICES IN BETWEEN – Bestimmungen

VOICES IN BETWEEN – Bestimmungen

Begleitet heute Majed Mihoub von Voices of Jasmine und schwelgt mit ihm in tunesischen Kindheitserinnerungen. In seinem Beitrag und in seinem Film verarbeitet er ihm wichtige Themen wie Flucht, Identitäten und Integrität aber vor allem möchte er den Hoffnungsschimmer transportieren, den Tunesien gerade jetzt so sehr braucht.