Reise nach Tunis: Ein Blick hinter die Kulissen

Reise nach Tunis: Ein Blick hinter die Kulissen

Ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni. Für die tunesischen Wochen von Charme und Melone wird der Beitrag „Fliegt, Ihr seid frei!“ veröffentlicht. Dieser entstand am 15. November 2014 nach einem Aufenthalt in Tunesien für “Portraits der Jasmine-Generation” ein Kooperationsprojekt mit “Project Wallflowers“.

Fliegt, ihr seid frei!

Frühling, die Vögel zwitschern und der Duft von frischer Wandfarbe liegt in der Luft. „Vögel darf man nicht einsperren. Sie müssen frei sein um zu fliegen!“ sagt die kleine Dunja beim Betrachten der neubemalten Außenfassade des Jugendzentrums Ettahrir, dessen Mauern nun das schimmernde Federnkleid eines Vogelschwarms schmückt.

Es scheint ein perfekt-initiiertes Arrangement des Zufalls zu sein, dass unsere Reise in den gleichnamigen, tunesischen Stadtteil Ettahrir, die Befreiung, lenkt. Die Forderung nach der Befreiung von den Ketten eines despotischen Regimes, der immanenten Unterdrückung eines korrupten Staatsapparates und seines allgegenwärtigen Geheimdienstes, trieb das tunesische Volk vor mehr als vier Jahren auf die Straße und entfachte mit seinem Streben, einen weltweiten Hoffnungsmoment. Auch wir, ein Zusammenschluss sozial-engagierter Kölner, fühlten uns durch diesen Moment berufen, uns aktiv in den Demokratisierungsprozess einzubringen.

Aufbruch

Mit Farben und Fragen bewaffnet, ziehen wir in das Mutterland des arabischen Frühlings ein. Die Straße ist unser Schaffensort, der Pinsel unser Schlüssel um hinter die Mauern des Jugendzentrums und darüber hinaus zu blicken. Hier laufen sie an uns vorbei, die Zeitzeugen der Revolution. Sie halten an auf ihrem Weg und blicken neugierig auf das Neue, das in Begriff ist zu entstehen. Sie sind es, die damals die Geschichte mitgeschrieben haben und von ihnen wollen wir hören wie die Zukunft Tunesiens weitergehen soll. „Was hat sie gebracht, die Freiheit?“ wollen wir von all jenen erfahren, die angezogen vom farbenfrohen Leuchten der Wand zu uns strömen.

Ernüchterung

Einiges habe sich zum Positiven, einiges zum Negativen geändert, teilen uns die Einheimischen mit. Einigkeit herrscht jedenfalls darüber, dass im postrevolutionärem Tunesien der Begriff Freiheit viel Raum für Interpretation offen lässt. „Es hat sich so einiges geändert, vor allem die Menschen und ihr falsches Verständnis von Freiheit. Freiheit wird mit Anarchie gleichgesetzt!“ Meinungsfreiheit in nimmer endender Rede- und Diskussionsfreudigkeit“ sagt Soumaya, Biochemikern aus Tunis, die sich für einen Plausch zu uns an die Wand gesellt.

Ein Machtvakuum erstickt peu à peu den revolutionären Kern

Anfang 2014 schreibt das nordafrikanische Land abermals Geschichte: Nach langem demokratischem Ringen verabschiedet das tunesische Parlament, die bisher fortschrittlichste Verfassung der arabischen Welt, die die Freiheit des Gewissens, der Religion und der Meinung garantiert. Soviel zu den theoretischen Rahmenbedingungen. In der Realität erstickte ein Machtvakuum die anfängliche Euphorie peu à peu im revolutionären Kern. Innenpolitische Krisen, wirtschaftliche Instabilität, steigende Arbeitslosigkeits- und Inflationsraten überschatten den Transformationsprozess und den Alltag der tunesischen Bevölkerung, dessen Geduld am seidenen Faden hängt. Zeitweise schien die innenpolitische Situation ausweglos zu sein. Der Versuch der verfassungsgebenden Versammlung einen nationalen Dialog in die Wege zu leiten, scheitert angefangen von ideell-gesteuerten Machtinteressen über politische Führungsunfähigkeit der Ennahda-Partei bis hin zu vermeintlichen Sabotageaktionen ehemaliger RCD-Funktionäre (Ben Ali Partei).

Vorbei die Zeit der omnipräsenten Selbstzensur

Im post-revolutionären Tunesien wird kein noch so brisantes Thema mehr totgeschwiegen. Vorbei die Zeit der omnipräsenten Selbstzensur aus Angst in die Falle der Geheimpolizei zu treten. Stattdessen wird die neu gewonnene Presse- und Meinungsfreiheit auf allen medialen Plattformen zelebriert und zur Schau getragen. Und das unter dem kritischen Visier, eines gebrandmarktem Publikums, dass bereits seine bittere Lektion jahrzehntelanger Meinungs- und Autoritätsdiktatur erteilt bekommen hat.

Eine junge Demokratie gefangen im Netz des Misstrauens

„Problematisch ist, wenn ehemalige Regime-Anhänger strafrechtlich nicht geahndet werden und sich in Talkshows als Helden darstellen, wobei sie tatkräftig an der jahrzehntelangen Diktatur beteiligt waren! Das beleidigt nicht nur den tunesischen Intellekt, sondern es schürt Misstrauen gegenüber den Fähigkeiten des postrevolutionären Staatsapparates!“ stellt der 28-jährige Sozialpädagoge Marouen fest. „Solange auf eine konstruktive Art miteinander gesprochen und einander zugehört wird, ist Meinungsfreiheit eine gute Sache. Wenn aber auf Worte keine Taten folgen, bleiben sie nur heiße Luft!“ hält der 18-jährige Hichem (links im Bild) ernüchternd fest. Er weiß wovon er redet. Hichem ist einer der angehenden Journalisten des Jugendzentrums, die sich zur Aufgabe gemacht haben über mangelnde Rechtsstaatlichkeit, Selbstjustiz und positive Entwicklungen in der Cité Ettahrir zu berichten.

„Wir verbringen unser Leben wie Müll im Abfalleimer“

„Wir verbringen unser Leben wie Müll im Abfalleimer“ beklagen die tunesischen Rapper Kafon und Hamzaoui Med Amine in ihrem Youtube-Hit. Das im September 2013 veröffentlichte Youtube-Video Houmani wurde bereits millionenfach angeklickt und wurde über Nacht zur Hymne der Jugend. Der von Hamzaoui erfundene Begriff Houmani beschreibt den Alltag, der in Arbeitervierteln (Houma) lebenden Tunesier, die besonders häufig von Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit betroffen sind. Nicht die Zeit gibt hier den Takt an, sondern das leere Portemonnaie und dem daraus resultierenden Teufelskreis aus finanzieller Not, Improvisationskunst, Kleinkriminalität, Polizeikonfrontation, Alkoholmissbrauch und endlosem Zeit totschlagen. Houmani, ist jemand der dieser Misere aus eigener Kraft entfliehen will. An der Realität gebrochen, reiht er sich an die Reihe gescheiteter Existenzen an und lässt sich brüderlich trösten. Deswegen klagt der Song auch nicht an, sondern ist resigniert. Der Clip zeigt lachende Gesichter. Innerlich fühlt sich Houmani in die Enge gepfercht, erstickt, erdrückt, wie Müll im Abfalleimer.

„Die Luft ist raus! Wir haben einfach keine Lust mehr!“ sagt Khalid, der sich von seiner Kunst dem Rappen bisher noch nicht finanzieren kann. „Es gibt einfach zu viele gut ausgebildete Menschen in diesem Land, die keine Arbeit und Perspektive haben! Wenn man Beziehungen hat, gar zur Oberschicht gehört, ist es kein Problem sich in die Arbeitswelt einzuschleusen. Der Rest hat keine Chance! Also was das angeht, hat sich im postrevolutionären Tunesien nichts geändert, außer dass es den Armen und Bedürftigen aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten noch miserabler geht als zuvor!“

Alles hat seinen Preis, auch Freiheit. Immer häufiger hört man von jungen Tunesiern, die zum bewaffneten Widerstand nach Syrien ziehen. „Das ist nicht mein Tunesien. Wir sind ein friedfertiges, warmherziges Volk!“ sagt Rafika Nafti, Direktorin des Jugendzentrums Ettahrir. Das Jugendzentrum sei in Wirklichkeit viel mehr ein Zentrum des ganzen Viertels: ein Haus der Begegnung, mit sich selbst und mit Gleichgesinnten. „Wir sind hier so etwas wie eine große Familie!“ sagt Rafika mit einem warmherzigen Lächeln im Gesicht. Viele Frauen zählen zu den Besuchern des Zentrums. Sie besuchen Töpferkurse, Seidenmalerei oder lassen sich als Konditorin ausbilden, um sich einen kleinen Zuverdienst ermöglichen zu können.

Hoffnung

Bewaffnet mit Farbe, Stift und Papier begannen wir unsere Reise nach Tunis: Unsere Mission, das Porträt der Jasmin-Generation zu zeichnen. Wir wurden von Warmherzigkeit, Gastfreundschaft und Liebe entwaffnet. Es sind Menschen wie Hicham der Journalist, Sofien der Sozialarbeiter, Marouen der Sozialpädagoge, starke Frauen wie der Direktorin Rafika, die die Zukunft Tunesiens mit gestalten werden. All sie, wie sie mit strahlenden Augen vor der Mauer des Jugendzentrums stehen und die leuchtenden Vögel betrachten, geben uns Hoffnung auf eine bunte, friedvolle Zukunft.

Photo Courtesy of Project Wallflowers

VOICES IN BETWEEN – Faradies

VOICES IN BETWEEN – Faradies

Begleitet Ferdaous Kabteni vom Verein Voices of Jasmine. Inspiriert durch die Revolution in Tunesien wurde der Verein „Voices of Jasmine“ (VoJ) von jungen, sozial-engagierten Deutsch-Tunesiern im Jahr 2013 in Köln gegründet. VoJ versteht sich als Sprachrohr für gesellschaftliche Bewegungen und Ideen, die soziale Gerechtigkeit im Sinne des freiheitlich-demokratischen Wertesystems aufgreifen, thematisieren und diskutieren.

Mit wunderschönen Bildern im Koffer und vielen wirren Gedanken entstand diese wunderbare digitale Geschichte. Trotz der postrevolutionären Ernüchterung und einer scheinbar ausweglosen, lethargischen Situation, in der sich die Tunesier heute befinden, schafft Ferdaous Kabteni es mit den Co-Mitgliedern von Voices of Jasmine e.V. Kraft daraus zu schöpfen, um wunderbare, motivierende Projekte auf die Beine zu stellen. Ihre digitale Geschichte war Motor für das Projekt “VOICES IN BETWEEN” und die tunesischen Wochen auf dem Blog von Charme und Melone.

Mashmoum – Kindheitserinnerungen aus Tunesien

Mashmoum – Kindheitserinnerungen aus Tunesien

Ein Gastbeitrag von Majed Mihoub von Voices of Jasmine e.V. für die tunesischen Wochen.

Ich schaue zwischen meine Finger hindurch. Erinnerungen an den Geruch von Staub und Metall drängen sich auf. Ich sehe eine kleine Mauer und da ist auch dieser Jasminstrauch und das Gefühl eines unbefangenen idyllischen Morgens. Ein Morgen durchtränkt mit dem süßen Duft des Jasmin. Er ist überwältigend! Er schickt mich auf eine Zeitreise zurück in eine unbeschwerte Kindheit. Alles erschien damals so klar und einfach. Mit meinem Bruder und meinen Cousins sammelten wir jeden Morgen diese zerbrechlichen, noch verschlossenen Jasminblüten in alten Konservendosen von aufgebrauchtem Tomatenmark. Ein Dinar für jede gehäufte Dose, hieß es! Das war damals mein erstes, selbst verdientes Geld! Später wurden diese Blüten zu Mashmoum gebunden und von kleinen Jungen am Straßenrand und in Cafés verkauft. Die Erwachsenen erfreuten sich daran, indem sie ständig ihre Nasen hinein steckten. Wie wohltuend und süß war dieser Geruch?!

Schicksalhafter Jasmin!

Wie konnten wir uns bloß soweit von deiner Süße und Güte entfernen? Einige Sommer füllten sich unsere Konservendosen, bis wir das Pflücken aufgaben und selber zu diesen Heranwachsenden wurden. Zu Hochzeiten wird dieser einfache Strauß größer und prachtvoller! Er symbolisiert Hoffnung auf ein süßes Leben. Auch zu meiner Hochzeit übergab man mir einen solchen Strauß. Schicksalhafter Jasmin! Ich erinnere mich noch genau, wie ich während meiner Hochzeit diesen Mashmoum in meiner Hand hielt und mit jedem Zug ein wenig mehr in die Vergangenheit eintauchte. Dieses mal, bevor ich mich gedanklich wieder auf der Mauer befand, von wo aus man am besten an die Jasminblüten herankam, verdichteten sich viele chaotische Bilder. Bilder von schreienden, weinenden und wütenden Menschen. Revolution! Es umklammerte mich diese eine Frage, die bis Heute auf eine Antwort wartet: Was wäre wenn die Hoffnung gerade mal groß genug wäre, dass sie zwischen Zeigefinger und Daumen passt. Wären wir nicht überrascht, wie einfach wir sie greifen könnten? Einfach in eine schützende Konservendose legen und aus ihr wieder und wieder einen wunderschönen und wohlriechenden Mashmoum binden. Als Kind erleben wir Rituale dieser Art als Momente unendlicher Glückseligkeit.

Ich habe den Eindruck, als könnten wir all diesen kleinen unscheinbaren Dingen keine Beachtung mehr schenken. Ständig suchen wir nach dem Übergeordneten. Nach dieser einen großen Lösung, die alles verändern wird. Dem Großen Ganzen nachjagend, erleben wir letztlich unsere größten Enttäuschungen. In unsicheren Zeiten werfen wir gerne einen kurzen Blick zurück. Was ist aus diesem Jungen und seiner Konservendose geworden? Was wird er wohl gerade tun? Er ist noch da! Er streckt gerade in diesem Moment seine Hand aus, und greift mit seinem Zeigefinger und Daumen nach einer Jasminblüte, nach der Hoffnung, und legt sie in die schützende Konservendose.

 

VOICES IN BETWEEN – Von Gestern bis Heute

VOICES IN BETWEEN – Von Gestern bis Heute

Begleitet Atfa Mihoub in ihrem Film für das Projekt „VOICES IN BETWEEN“. Mit ihrer unverwechselbaren Stimme und im Stil der Spoken Word Poetry verarbeitet sie ihre Sicht der Revolution in Tunesien und das Hin- und Hergerissen Sein zwischen zwei Welten. Als Gründungsmitglied von Voices of Jasmine e.V. greift sie mit den anderen Mitgliedern wichtige Themen wie Identität, Mentalität und kulturrelevante Fragen auf.

VoJ versteht sich als Sprachrohr für gesellschaftliche Bewegungen und Ideen, die soziale Gerechtigkeit im Sinne des freiheitlich-demokratischen Wertesystems aufgreifen, thematisieren und diskutieren.

 

SAVE THE DATE – VOICES IN BETWEEN

SAVE THE DATE – VOICES IN BETWEEN

Es ist soweit!

Ab nächster Woche (13. April) startet unsere Video-Reihe „Voices in between“.

Jede Woche ein Video!

Das Projekt ist ein Kooperationsprojekt zwischen Voices of Jasmine e.V., Charme und Melone und uns. Die Videos, die in unserem Workshop entstanden sind, werden durch Blogbeiträge von Voices of Jasmine e.V. begleitet. Gehostet werden die Beiträge auf dem Blog von Charme und Melone.

Wir freuen uns sehr über die Zusammenarbeit!

 

 

 

VOICES IN BETWEEN – A digital storytelling project

VOICES IN BETWEEN – A digital storytelling project

Am 12 März starteten wir unseren Workshop mit dem Verein Voices of Jasmine mit dem Titel „Voices with Stories“. Entstanden ist eine Filmreihe, die wir letzlich „VOICES IN BETWEEN“ getauft haben. Geschichten von Menschen zwischen zwei Welten, zwei Kulturen, zwei Mentalitäten, zwei oder mehr Sprachen. Diese Reihe möchten wir fortführen, denn der Reichtum dieser Kulturvermengungen ist in unseren Augen die Antwort auf viele unbeantwortete Fragen unserer Gesellschaft.