Storytelling Workshop: Ein Erfahrungsbericht

Storytelling Workshop: Ein Erfahrungsbericht

Ein Erfahrungsbericht aus dem digital Storytelling- Projekt „Voices in between“ von Ferdaous Kabteni 

Als Kind hatte ich immer diesen Traum vom Fliegen. Durch das Fenster hinaus in die weite Welt. Nicht zu weit, nur soweit wie ich den Weg zu meinem trauten Heim zurückfand. Sogar im Traum war ich verkopft und trotzdem fühlte ich mich unbeschwert und frei wie eine Pusteblume. Vom Fliegen träume ich schon lange nicht mehr. Stattdessen stelle ich mein Handy auf Flugmodus, wenn ich mir die Freiheit nehme, gerade nicht erreichbar sein zu wollen. Verrückte Welt. Peter Pan hatte Recht damit, nicht Erwachsen werden zu wollen, und dabei gab es im Nimmerland nicht einmal diesen digitalen Hokuspokus. Nur Captain Hook, Tinker Bell, Wendy und der Traum vom Fliegen. Tolle Geschichte denke ich und blicke in die Runde.

Was ist „Digital Storytelling“ eigentlich?

Es ist Samstag in der Früh und ich sitze mit fünf weiteren Teilnehmern in einem Workshop zum digitalen Geschichten-Erzählen – mit nichts außer Flausen im Kopf. Dabei wurde uns im Vorfeld angeraten, eine Geschichte vorzubereiten oder zumindest eine Idee für eine zu haben. Eine Geschichte über sich selbst und was einen als Mensch auszeichnet. Was es über mich zu erzählen gibt? Wahrscheinlich so einiges. Es wird nicht einfach einen Teil meines Lebens auf höchstens dreihundert Wörter herunter zu brechen. Ich frage mich, ob die anderen Teilnehmer schon ein Skript parat haben. „Digital Storytelling“, erklärt die Trainerin, „ist die Symbiose zwischen moderner Technik und der tradierten Kunst des Geschichten-Erzählens, an dessen Ende ein drei-minütiges Video herauskommen soll“, untermauert mit der eigenen Stimme. Avantgardistisch! Vielleicht ist es auch nur eine weitere Möglichkeit, dem narzisstischen Treiben unserer Zeit ein zusätzliches Werkzeug in die Hände zu geben, denke ich kritisch.

Zeit für sich selbst

Dann geht es an die Arbeit. Anhand von einigen Kreativ-Übungen, bei denen es darum geht, in sich hinein zu horchen, in Erinnerungen zu schwelgen, versuchen wir uns an unsere Geschichten heranzutasten. Es geht um die eigene Kindheit und Jugend, geliebte Menschen und Orte und meinem Traum vom Fliegen. Plötzlich liegen alle Emotionen ausgebreitet vor mir. Es ist, als würde man einer längst vergessenen Seite von sich selbst wiederbegegnen. Notgedrungen sieht man sich der Frage gegenüberstehen: Bin ich zufrieden mit dem Menschen vor dem Spiegel? Bin ich das geworden, was ich sein wollte oder habe ich den Kampf um Integrität unterwegs längst verloren?

Selbstoptimierungswahn. Konsum. Burn-out.

Es wird klar, dass weder ich noch die Anderen im Raum mit diesem Tiefgang gerechnet haben. Dieser ist unabwendbar, um eine authentische Geschichte zu erzählen. Wir sind so sehr damit beschäftigt, nicht die Kontrolle über unsere Gefühlswelt zu verlieren, dass wir uns keine Zeit mehr nehmen können für Kreativität und Zerstreuung. Selbstoptimierungswahn. Konsum. Burn-out. Wir hetzen durch das Leben, getrieben von der Illusion immer auf dem neusten Upgrade sein zu müssen. Der Kopf, die To-do-liste, der Cloud-Speicher ständig voll.

Öfter auf Flugmodus schalten

Mir wird klar, warum ich nicht mehr vom Fliegen träume. Das Leben bürdet uns im Laufe unserer Reise eine Menge Ballast auf und wir zahlen bereitwillig dafür. Mit jedem Kampf, den wir verlieren, jedem Traum, der platzt, mit dem „zu Viel vom Belanglosen“ und dem „zu Wenig vom Gehaltvollen“ verlieren wir unsere Unbeschwertheit und Leichtigkeit. Um uns selbst wieder spüren zu können, sollten wir öfter auf Flugmodus schalten, Inne halten und Übergepäck über Bord werfen. Reduktion aufs Wesentliche. Das geht manchmal auch in nur drei Minuten, digital auf Video.

VOICES IN BETWEEN – Vom Dunkel ins Licht

VOICES IN BETWEEN – Vom Dunkel ins Licht

 

Wir beenden die Reihe „VOICES IN BETWEEN“ mit einem letzten, sehr starken Video von Kais, einem weiteren Gründungsmitglied von Voices of Jasmine e.V.. Mit seiner digitalen Geschichte spricht er Gefühle aus, die viele Menschen empfinden. Die Trauer darum, dass das eigene Land nicht mehr das ist, was es mal war. Das Land aus Kindheits-erinnerungen. Viele Träume und Wünsche mussten Platz machen für die Wirklichkeit, auch hier in Deutschland. Dennoch ist die Aussicht seiner Geschichte durch und durch positiv, denn die Revolution war für ihn und seine Freunde die Geburt des Vereins Voices of Jasmine. Wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich bei den wundervollen Menschen von Voices of Jasmine e.V., die mit ihrem Talent, Ihren Geschichten und ihrer positiven Weltanschauung bewegt haben.

’Ashiya – Der abendliche Sommerwind. Kindheitserinnerungen aus den Sommerferien.

’Ashiya – Der abendliche Sommerwind. Kindheitserinnerungen aus den Sommerferien.

Ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni, Gründungsmitglied Voices of Jasmine e.V., für die tunesischen Wochen.

„Du weißt was mit kleinen Mädchen passiert, die ihre Siesta nicht machen! Die Tigaza kommt sie holen!“ „Aber Mima Zohra, ich bin doch gar nicht müde!“ Ich wehrte mich mit Händen und Füßen gegen dieses alltägliche Ritual meiner Großmutter. Es quälte mich um zwei Uhr nachmittags einen Mittagsschlaf halten zu müssen. Schließlich habe ich nicht umsonst das ganze Jahr über die Tage rückwärts gezählt, um in meiner geliebten Heimat, bei meiner Familie sein zu können. Und da soll ich jetzt schlafen?

In den Sommerferien wird nicht geschlafen

Die tunesische Mittagssonne ist zwar wirklich brennend heiß, aber ich wollte und konnte mich einfach nicht hinlegen. Das meine Großmutter bereits seit dem Morgengrauen auf den Beinen war, um frisches Brot aus dem Steinofen zu backen, den Hühnerstall zu säubern oder einen Berg Schmutzwäsche von Hand zu waschen, interessierte mich herzlich wenig. Ich wollte mit Opa spielen, ans Meer fahren und dabei ein erfrischendes Eis schlecken. Aber dann hieß es, ich solle mich bis zur ’Ashiya gedulden, wenn die Sonne tiefer am Himmel hängt und der Wind das Dorf von der glühenden Mittagshitze befreit. Also übte ich mich im Geduldig sein. Ich wartete bis meine Großeltern, Onkel und Tanten ins Schlummerland eintraten und schlich mich heimlich auf die Veranda. Das Haus meiner Großeltern stach mit seinen hohen Decken, großen Fenstern und dem Walmdach mit den kaminroten Dachziegeln in der ganzen Straße hervor. So ganz untypisch für den klassischen arabischen Flachdach-Baustil. Ein Andenken aus der französischen Protektoratszeit.

Ein Vakuum aus gähnender Langeweile und zeitloser Leere

Eine gefühlte Unendlichkeit saß ich auf den heißen Treppenstufen und wartete auf meine Retterin, der ’Ashiya. Der Blick abwechselnd von der Straße auf den Jasminstrauch und wieder zurück gerichtet. Nichts. Nichts regte sich. Anstelle von Kinderlärm, Hup- und Motorgeräuschen, machte sich eine erdrückende Stille breit. Ich fühlte mich wie in einem Vakuum aus gähnender Langeweile und zeitloser Leere. Selbst die Jasminblüten verschlossen sich, als wären sie ebenfalls gezwungen worden eine Siesta zu halten. Aber dann irgendwann zwischen vier und fünf Uhr kam sie endlich. Die erlösende ’Ashiya. Die Luft stand nicht mehr still. Man hörte die ersten Mofas in der Gegend herumdüsen und der dezente Duft von Jasmin verteilte sich in der Luft. Durchatmen.

Lachen. Weinen. Reden bis tief in die Nacht.

Jetzt lief die Zeit im Schnelldurchlauf. Meine Tante öffnete die Fensterläden und huschte in den Garten um kaltes Brunnenwasser für den täglichen Verenda-Putz zu holen. Da sich der Dreh- und Angelpunkt des sommerlichen Familientreibens auf der Veranda abspielte, musste diese auch täglich vom feinen Sand befreit werden. Das kalte Brunnenwasser kühlte ganz nebenbei den heißen Fliesenboden und meine kleinen Kinderfüße ab. Währenddessen bereitete meine Großmutter tunesischen Tee auf dem Kanoun (kleiner, rundförmiger Steinkohle-Grill) zu. Ein starker Cay-Tee mit viel Zucker, Minze und dem besonderen tunesischen i-Tüpfelchen: Pinienkernen. Diese sammelten sich oben im Teeglas an und bahnten sich bei jedem Nippen einen Weg in den Mund. Köstlich! Sobald der Veranda Boden trocken war, breitete meine Tante einen großen Teppich aus Plastik auf dem Boden aus. Entlang der Hauswand, legte sie Matratzen und Kissen zum gemütlichen beisammen Sitzen aus. Im Zentrum des Geschehens die Midaa, ein kleiner runder Holztisch worauf im Laufe des Abends diverse Knabbereien und frisches Obst platziert wurden. Jetzt handelte es sich nur noch um wenige Augenblicke bis sich Baba Othman zu uns auf die Veranda gesellte und sich seinen nachmittäglichen Thé Aḥmar bei Oma abholte. Wie ich es geliebt habe, mich bei Opa einzukuscheln und mich mit liebevoll einzeln herausgefischten Pinienkernen aus dem Teeglas füttern zu lassen. Da saßen wir nun den ganzen lieben Abend zusammen. Familienangehörige kamen spontan zu Besuch um die Familie aus Deutschland wiederzusehen. Geschichten und kleine Geschenke wurden ausgetauscht. Lachen. Weinen. Reden bis tief in die Nacht.

Das erlösende Gefühl von ’Ashiya

Baba Othman und Oma Zohra, Gott habe sie selig, verstarben bereits vor langer Zeit. Aber es sind genau diese kleinen Erinnerungen, die mich eine tiefe Verbundenheit an das Heimatland meiner Eltern spüren lassen und sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben. Ich bin davon überzeugt, dass ich seit damals ein besonderes Faible für Wind entwickelt habe. Selbst wenn ich weit weg von Tunesien bin, habe ich jedes Mal wenn ich auf meinem Fahrrad am Rhein entlang fahre und mir der Wind durch die Haare bläst, das erlösende Gefühl von ’Ashiya.

 

Dieser Beitrag wurde erstellt in Kooperation mit Charme und Melone und Voices of Jasmine e.V. für die tunesischen Wochen 

 

 

Harissa – Achtung scharf! Über Vorurteile und Klischees

Harissa – Achtung scharf! Über Vorurteile und Klischees

Ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni für die tunesischen Wochen bei Charme und Melone.

 

Entzugserscheinungen auf Tunesisch

Endlich, das wohl verdiente Mittagessen erreicht den Tisch. Genüsslich blicke ich auf meinen Teller Spaghetti und will einen guten Appetit wünschen, als mir auffällt, dass mein Sitznachbar halb im Rucksack versunken ist und hektisch darin wühlt. Sicherlich wird es sich um etwas Wichtiges handeln, denke ich. Vielleicht ein Medikament, dass vor dem Essen eingenommen werden muss oder ein Handy für den absoluten Notfall, dass just in diesem Moment vibriert. Gerade, will ich mich erkundigen, ob alles okay ist, als Walid mit einem Seufzen der Erleichterung aus der Unterwelt auftaucht und demonstrativ seinen Fang auf dem Tisch platziert. Ungläubig schaue ich auf diese vertraute gelbe Tube mit dem roten Peperoni-Embleme und pruste auf vor Lachen. Das zusätzliche Utensil, dass nun den deutschen Esstisch ziert ist eine Tube Harissa, die extra aus Tunesien eingeflogen wurde, um dem vermeintlich faden deutschen Essen, weil nicht rot und scharf, die nötige Würze zu verleihen.

Harissa aus dem Fläschchen

Nicht nur, dass ich es absolut lustig finde, dass Walid seinen ganzen Forschungsaufenthalt über mit einer Tube Harissa im Rucksack durch Deutschlands Straßen flaniert, nein, der Soziologe bedient ein Klischee, dass seit jeher über das nordafrikanische Völkchen herrscht. Böse Zungen behaupten, dass der Tunesier, die Paprikapaste schon mit der Nabelschnur verabreicht bekommt. Wenn der Säugling dann erst auf der Welt ist, gibt’s Harissa direkt aus dem Fläschchen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der ausgewachsene Tunesier erst in Fahrt kommt, wenn das rote Benzin richtig scharf und rein ist, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Hauptsache scharf: Pepperoni in allen Variationen

Hier hat sich die Harissa du Cap Bon etabliert, die aus 87% scharfer Paprika, Kümmel, Koriander und Salz besteht. Tunesisches Reinheitsgebot. Zum Frühstück, zum Mittag, zum Abend! Es ist egal, solange das Brot, die Soße und der Couscous rot und scharf sind, mundet es dem tunesischen Gaumen. Mit der Zeit gewöhnt sich jedoch jeder noch so empfindliche Geschmacksnerv an die feurige Schärfe, weswegen sich der Tunesier verschiedenste Kreationen ausgedacht hat, um die einsetzende Schärfetoleranz zu senken. So gesellen sich in der tunesischen Esskultur, neben dem standardmäßigem scharfen Paprikagewürz (filfil ahmar) und den frischen grünen Peperoni im Essen, weitere Kreationen an filfil (Paprika; Chilli) auf dem Essen. Ob gegrillt (filfil mishwi), gebraten (filfil muqli) oder eingelegt (filfil bara’bid), der tunesischen Kreativität ist, was das Zubereiten und Zusammenwürfeln von Peperoni-Variationen angeht, keine Grenzen gesetzt.

Das klassische tunesische Sandwich

Während den Deutschen der Heißhunger eher auf etwas Süßes überkommt, entfaltet der Tunesier ein Verlangen nach scharfem Essen. Zum Beispiel nach einem klassischen, tunesischen Sandwich: Ein halbes Baguette mit Harissa beschmiert, Thunfisch, gegrillter Peperonisalat (slata mishwia), Tomaten-Gurkensalat und Pommes darauf und optional noch eine gebratene Peperoni on Top. Voilà, fertig ist der tunesische Casse-Croûte!

Tunesische Sprache: Ganz schön gepfeffert!

Der rote Harissa-Faden der sich durch das Essen zieht, äußert sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Ein warmherziger, herzlicher Mensch ist laut tunesischem Volksmund mfalfil, also gut gewürzt und scharf, wie es der Tunesier gern hat. Das Pendant hierzu ist masit, also fade und nicht würzig. Ein Mitmensch, der masit ist, ist wie wir in Köln sagen lepsch (läppisch) also einfach langweilig und humorlos. In Acht sollte man sich hingegen vor Peperoni und Menschen nehmen, die so scharf sind, dass man sich an ihnen verbrennt (yishwi). Ein Zeitgenosse, der bei seinen Mitmenschen gut ankommt ist mharhar. Also jemand, der mit der besonderen Prise an Schärfe gesegnet ist und aktiv, gesellig und leidenschaftlich durch das Leben kommt.

 

„Das leben ist wie eine Pralinen-Schachtel. Man weiß nie was man bekommt!“ sagte einst Forrest Gump. Auf Tunesien übertragen, ist das Leben wie ein Teller filfil muqli (gebratene Peperoni). Man weiß nie wie scharf es ist, bis man in eine hineinbeißt. Ein Kenner kann auf einem Blick die Schärfe ausmachen. Dies erfordert jedoch langjährige Peperonierxpertise. Über Klischees mag man denken was man will. Die einen entsprechen ihnen mehr, die anderen weniger. So oder so, sind Klischees mit Vorsicht zu genießen auch mit Peperoniexpertise.

VOICES IN BETWEEN – Nicht ein Fach!

VOICES IN BETWEEN – Nicht ein Fach!

Heute veröffentlichen wir Zerin Senkayas Geschichte. Auch sie kann einiges zum Thema Integration, Identität und Mentalitäten beisteuern. In ihrer Geschichte über eine „ganz normale“ Kindheit möchte sie mit Klischees aufräumen und zeigen, dass alle in Kindheit und Jugend mit ähnlichen Problemen konfrontiert werden, ob Kurdin, Türkin, Tunesierin oder Deutsche. Egal welchen Ursprungs, dort wo man Wurzeln schlägt, ist man zu Hause!

VOICES IN BETWEEN – Vielleicht geeignet!

VOICES IN BETWEEN – Vielleicht geeignet!

Hicham Boutouil reist mit uns in seine Kindheit zurück und erzählt seine Geschichte. Als Deutsch-Marokkaner hat auch er vieles, das seinen Lebensweg geprägt hat. Auf seinem Weg von der „Kölner Eisenbahnerwohnung gegenüber dem Schlachthof“ zur Gründung des Vereins Voices of Jasmine bis hin zu seiner Lebensaufgabe sich allen interkulturellen Fragen zu stellen, begleiten wir ihn ein Stück.