Erfahrungsbericht: Digital Storytelling Workshop mit Senioren

Erfahrungsbericht: Digital Storytelling Workshop mit Senioren

Bereits im Projekt Voices in Between haben wir diesen Reichtum genutzt und die Teilnehmer eingeladen, in einzelnen Beiträgen auf dem Blog Charme und Melone, weitere Geschichten in Wort und Bild zu entfalten. Gerade hat StoryAtelier in Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule Köln einen ersten Workshop mit sechs Teilnehmern der Studie DenkSport durchgeführt. Die Studie untersucht den positiven Effekt von Sport auf die potenzielle Entwicklung von Demenz. Wir wurden durch diese sechs starken Persönlichkeiten immens bereichert. Gleich am ersten Tag erzählte uns Renata die Geschichte einer besonderen Tonfigur. Am zweiten Tag brachte sie sie mit. Am dritten Tag baten wir sie, diese Geschichte für uns festzuhalten. Am fünften Tag schrieb sie sie für uns und für alle anderen auf, die unseren Blog lesen, mögen und hoffentlich auch weiter teilen!

Ein kollektives Erfolgserlebnis

Ein Gastbeitrag von Renata Lück

Nun ist es also vorbei. Die Zeit des Schreibens und Gestaltens hat mit der heutigen Vorführung ihr vorläufiges Ende gefunden. Mit großer Spannung haben wir auf diesen Moment gewartet. Jeder von uns war ziemlich aufgeregt – wann hat man auch Gelegenheit, ein Stück Lebensgeschichte vor so vielen Menschen preis zu geben. Alle sechs Geschichten hatten so viel Tiefgang, waren so berührend. Wenn auch alle gänzlich unterschiedlich, waren sie am Ende durch die Offenheit und Authentizität sehr ähnlich. Durch den Feinschliff, den unsere Geschichten durch die wunderbaren Seminarbegleiterinnen erfuhren, wurde dieser Eindruck noch verstärkt. Die Besucher der Vorführung zeigten sich von den Filmen tief berührt. Sie brachten dies mit bewegenden Worten zum Ausdruck. Der Überraschungsfilm am Ende war ein wohl gelungener und liebevoller Abschluss. Mit viel Fingerspitzen- und Feingefühl wurden kleine Videos und Bilder aus dem Workshop gezeigt, die den Werdegang der einzelnen Arbeiten deutlich machten.

Storyteller: Die Geschichte hinter der Tonfigur

Dem Überraschungsfilm lag eine kleine Tonfigur zugrunde, die eine eigene Geschichte hat… Diese Geschichte spielt im Jahr 1985. Wir waren auf einer Rundreise durch den amerikanischen Westen. In Arizona hatte uns der Grand Canyon mit seiner unermesslichen Schönheit und Weite in sprachloses Staunen versetzt. Nun wollten wir uns mit den Lebensverhältnissen der indianischen Ureinwohner vertraut machen. Der krasse Gegensatz zu der Postkartenlandschaft des Grand Canyon war gewaltig.

Tradition der Native Americans

In einem Reservat standen dicht gedrängt kleine Buden und Verkaufsstände, an denen Kunsthandwerk jedweder Art angeboten wurde. Die Touristen strömten in Scharen an den Ständen vorbei. Es war eine unwirkliche Atmosphäre. Die Native Americans wurden regelrecht zur Schau gestellt. Es war ihnen nicht erlaubt, außerhalb des Reservats ihrer Arbeit nachzugehen. Das US Gouvernement hatte ihnen auf ihrem angestammten Land ein winziges Stück zugewiesen. Sie waren wie eingepfercht. Es wurde uns bewusst, dass auch wir zu den gaffenden Touristen gehörten. Kein schönes Gefühl. Ein Stand mit außergewöhnlichen Tonfiguren zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Viele Figuren in unterschiedlichsten Größen und Ausfertigungen verteilten sich auf den Regalen. Sie hatten alle eins gemeinsam. Frauenfiguren mit geschlossenen Augen und einem kreisrund geöffneten Mund. Jede Menge Kinder in den Armen und auf dem Schoß.

Wissensvermittlung durch Geschichten erzählen

Eine junge Native American saß im hinteren Teil der Bude und formte die Tonfiguren. Auf unsere Frage, ob wir ihr eine Weile zuschauen dürften, bot sie uns Plätze an und lud uns ein, eine Weile bei ihr zu sein. Neugierig fragte ich sie nach der Bedeutung der Figuren. Sie erzählte uns, dass die Indianer ihr Wissen und ihre Weisheiten sowie ihre Geschichten immer mündlich von einer Generation zur nächsten weitergeben. Einzige Ausnahme sind Wandmalereien in alten Felsenhöhlen. Es gibt keine schriftlichen Überlieferungen.

Frauenfigur verkörpert die große Mutter

Die Frauenfigur verkörpere die große Mutter, die ihre Weisheit aus ihrem Inneren – daher die geschlossenen Augen – aus vollem Herzen und mit weit geöffnetem Mund an ihre Nachkommen weitergibt. Die Kinder in ihren Armen und auf ihrem Schoß stehen für die vielen Generationen. Je mehr die junge Frau erzählte, desto mehr leuchteten ihre Augen. Die Liebe und tiefe Verbundenheit zu ihren Ahnen war fühlbar. Sie erzählte uns, dass sie es als Auftrag der Ahnen sehe, die Figuren herzustellen und zu verkaufen. So werde die Tradition gewahrt und der Lebensunterhalt gesichert. Sie nennt sie „ the Storyteller“! Das alles erzählte sie uns auf eine ganz natürliche und schlichte Weise. Nie werde ich die leuchtenden Augen in dem jungen, weisen Gesicht vergessen. Ich bat sie, eine Figur für mich auszusuchen, die nach ihrer Meinung zu mir passe. Sie legte mir „the Storyteller“ in die Hände. Für mich war dies die Einladung, von nun an das Wissen der Frauen weiter zu geben. So durfte ich einen Teil der großen Traditionen der Indianer in mein Leben übernehmen.

Ein Geschenk an die Frauen von StoryAtelier

Heute habe ich diese Tradition mit großer Freude weiter gereicht. Die kleine Figur ist in den Besitz der Frauen vom StoryAtelier übergegangen – wo sonst soll denn ein“ Storyteller“ auch hingehören!!! Ich danke den wunderbaren Frauen des StoryAteliers, dass sie mir das Geschenk des Annehmens gemacht haben. Übrigens: Die indianische Künstlerin stellt immer noch Tonfiguren her. Sie hat sich zu einer namhaften Künstlerin entwickelt und lebt heute in New Mexico.