VOICES IN BETWEEN - Faradies

Begleitet Ferdaous Kabteni vom Verein Voices of Jasmine. Inspiriert durch die Revolution in Tunesien wurde der Verein „Voices of Jasmine“ (VoJ) von jungen, sozial-engagierten Deutsch-Tunesiern im Jahr 2013 in Köln gegründet. VoJ versteht sich als Sprachrohr für gesellschaftliche Bewegungen und Ideen, die soziale Gerechtigkeit im Sinne des freiheitlich-demokratischen Wertesystems aufgreifen, thematisieren und diskutieren.

Mit wunderschönen Bildern im Koffer und vielen wirren Gedanken entstand diese wunderbare
digitale Geschichte. Trotz der postrevolutionären Ernüchterung und einer scheinbar ausweglosen, lethargischen Situation, in der sich die Tunesier heute befinden, schafft Ferdaous Kabteni es mit den Co-Mitgliedern von Voices of Jasmine e.V. Kraft daraus zu schöpfen, um wunderbare, motivierende Projekte auf die Beine zu stellen. Ihre digitale Geschichte war Motor für das Projekt “VOICES IN BETWEEN” und die tunesischen Wochen auf dem Blog von Charme und Melone.

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Passend zu ihrem Video veröffentlicht Ferdaous für die tunesischen Wochen von Charme und Melone den Beitrag "Fliegt, Ihr seid frei!". Dieser entstand am 15. November 2014 nach einem Aufenthalt in Tunesien für “Portraits der Jasmine-Generation” ein Kooperationsprojekt mit “Project Wallflowers“.

 

Fliegt, Ihr seid frei!


Frühling, die Vögel zwitschern und der Duft von frischer Wandfarbe liegt in der Luft. „Vögel darf man nicht einsperren. Sie müssen frei sein um zu fliegen!“ sagt die kleine Dunja beim Betrachten der neubemalten Außenfassade des Jugendzentrums Ettahrir, dessen Mauern nun das schimmernde Federnkleid eines Vogelschwarms schmückt.

Es scheint ein perfekt-initiiertes Arrangement des Zufalls zu sein, dass unsere Reise in den gleichnamigen, tunesischen Stadtteil Ettahrir, die Befreiung, lenkt. Die Forderung nach der Befreiung von den Ketten eines despotischen Regimes, der immanenten Unterdrückung eines korrupten Staatsapparates und seines allgegenwärtigen Geheimdienstes, trieb das tunesische Volk vor mehr als vier Jahren auf die Straße und entfachte mit seinem Streben, einen weltweiten Hoffnungsmoment. Auch wir, ein Zusammenschluss sozial-engagierter Kölner, fühlten uns durch diesen Moment berufen, uns aktiv in den Demokratisierungsprozess einzubringen.

Aufbruch. Mit Farben und Fragen bewaffnet, ziehen wir in das Mutterland des arabischen Frühlings ein. Die Straße ist unser Schaffensort, der Pinsel unser Schlüssel um hinter die Mauern des Jugendzentrums und darüber hinaus zu blicken. Hier laufen sie an uns vorbei, die Zeitzeugen der Revolution. Sie halten an auf ihrem Weg und blicken neugierig auf das Neue, das in Begriff ist zu entstehen. Sie sind es, die damals die Geschichte mitgeschrieben haben und von ihnen wollen wir hören wie die Zukunft Tunesiens weitergehen soll. „Was hat sie gebracht, die Freiheit?“ wollen wir von all jenen erfahren, die angezogen vom farbenfrohen Leuchten der Wand zu uns strömen.

Ernüchterung. Einiges habe sich zum Positiven, einiges zum Negativen geändert, teilen uns die Einheimischen mit. Einigkeit herrscht jedenfalls darüber, dass im postrevolutionärem Tunesien der Begriff Freiheit viel Raum für Interpretation offen lässt. „Es hat sich so einiges geändert, vor allem die Menschen und ihr falsches Verständnis von Freiheit. Freiheit wird mit Anarchie gleichgesetzt!“ Meinungsfreiheit in nimmer endender Rede- und Diskussionsfreudigkeit“ sagt Soumaya, Biochemikern aus Tunis, die sich für einen Plausch zu uns an die Wand gesellt.

Anfang 2014 schreibt das nordafrikanische Land abermals Geschichte: Nach langem demokratischem Ringen verabschiedet das tunesische Parlament, die bisher fortschrittlichste Verfassung der arabischen Welt, die die Freiheit des Gewissens, der Religion und der Meinung garantiert. Soviel zu den theoretischen Rahmen-bedingungen. In der Realität erstickte ein Machtvakuum die anfängliche Euphorie peu à peu im revolutionären Kern. Innenpolitische Krisen, wirtschaftliche Instabilität, steigende Arbeitslosigkeits- und Inflationsraten überschatten den Transformationsprozess und den Alltag der tunesischen Bevölkerung, dessen Geduld am seidenen Faden hängt. Zeitweise schien die innenpolitische Situation ausweglos zu sein. Der Versuch der verfassungsgebenden Versammlung einen nationalen Dialog in die Wege zu leiten, scheitert angefangen von ideell-gesteuerten Machtinteressen über politische Führungsunfähigkeit der Ennahda-Partei bis hin zu vermeintlichen Sabotageaktionen ehemaliger RCD-Funktionäre (Ben Ali Partei). Im postrevolutionärem Tunesien wird kein noch so brisantes Thema mehr totgeschwiegen. Vorbei die Zeit der omnipräsenten Selbstzensur aus Angst in die Falle der Geheimpolizei zu treten. Stattdessen wird die neugewonnene Presse-
und Meinungsfreiheit auf allen vorstellbaren medialen Plattformen zelebriert und zur Schau getragen. Und
das unter dem kritischen Visier, eines gebrandmarktem Publikums, dass bereits seine bittere Lektion jahr-zehntelanger Meinungs- und Autoritätsdiktatur erteilt bekommen hat. Eine junge Demokratie gefangen im Netz des Misstrauens.

„Problematisch ist, wenn ehemalige Regime-Anhänger strafrechtlich nicht geahndet werden und sich in Talkshows als Helden darstellen, wobei sie tatkräftig an der jahrzehntelangen Diktatur beteiligt waren! Das beleidigt nicht nur den tunesischen Intellekt, sondern es schürt Misstrauen gegenüber den Fähigkeiten des postrevolutionären Staatsapparates!“ stellt der 28-jährige Sozialpädagoge Marouen fest.

„Solange auf eine konstruktive Art miteinander gesprochen und einander zugehört wird, ist Meinungsfreiheit eine gute Sache. Wenn aber auf Worte keine Taten folgen, bleiben sie nur heiße Luft!“ hält der 18-jährige Hichem (links im Bild) ernüchternd fest. Er weiß wovon er redet. Hichem ist einer der angehenden Journalisten des Jugendzentrums, die sich zur Aufgabe gemacht haben über mangelnde Rechtsstaatlichkeit, Selbstjustiz und positive Entwicklungen in der Cité Ettahrir zu berichten.

„Wir verbringen unser Leben wie Müll im Abfalleimer“ beklagen die tunesischen Rapper Kafon und Hamzaoui Med Amine in ihrem Youtube-Hit. Das im September 2013 veröffentlichte Youtube-Video Houmani wurde bereits millionenfach angeklickt und wurde über Nacht zur Hymne der Jugend. Der von Hamzaoui erfundene Begriff Houmani beschreibt den Alltag, der in Arbeitervierteln (Houma) lebenden Tunesier, die besonders häufig von Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit betroffen sind. Nicht die Zeit gibt hier den Takt an, sondern das leere Portemonnaie und dem daraus resultierenden Teufelskreis aus finanzieller Not, Improvisationskunst, Kleinkriminalität, Polizeikonfrontation, Alkoholmissbrauch und endlosem Zeit totschlagen. Houmani, ist jemand der dieser Misere aus eigener Kraft entfliehen will. An der Realität gebrochen, reiht er sich an die Reihe gescheiteter Existenzen an und lässt sich brüderlich trösten. Deswegen klagt der Song auch nicht an, sondern ist resigniert. Der Clip zeigt lachende Gesichter. Innerlich fühlt sich Houmani in die Enge gepfercht, erstickt, erdrückt, wie Müll im Abfalleimer.

„Die Luft ist raus! Wir haben einfach keine Lust mehr!“ sagt Khalid, der sich von seiner Kunst dem Rappen bisher noch nicht finanzieren kann. „Es gibt einfach zu viele gut ausgebildete Menschen in diesem Land, die keine Arbeit und Perspektive haben! Wenn man Beziehungen hat, gar zur Oberschicht gehört, ist es kein Problem sich in die Arbeitswelt einzuschleusen. Der Rest hat keine Chance! Also was das angeht, hat sich im postrevolutionären Tunesien nichts geändert, außer dass es den Armen und Bedürftigen aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten noch miserabler geht als zuvor!“

Alles hat seinen Preis, auch Freiheit. Immer häufiger hört man von jungen Tunesiern, die zum bewaffneten Widerstand nach Syrien ziehen. „Das ist nicht mein Tunesien. Wir sind ein friedfertiges, warmherziges Volk!“ sagt Rafika Nafti, Direktorin des Jugendzentrums Ettahrir. Das Jugendzentrum sei in Wirklichkeit viel mehr ein Zentrum des ganzen Viertels: ein Haus der Begegnung, mit sich selbst und mit Gleichgesinnten. „Wir sind hier so etwas wie eine große Familie!“ sagt Rafika mit einem warmherzigen Lächeln im Gesicht. Viele Frauen zählen zu den Besuchern des Zentrums. Sie besuchen Töpferkurse, Seidenmalerei oder lassen sich als Konditorin ausbilden, um sich einen kleinen Zuverdienst ermöglichen zu können.

Hoffnung. Bewaffnet mit Farbe, Stift und Papier begannen wir unsere Reise nach Tunis: Unsere Mission, das Porträt der Jasmin-Generation zu zeichnen. Wir wurden von Warmherzigkeit, Gastfreundschaft und Liebe entwaffnet. Es sind Menschen wie Hicham der Journalist, Sofien der Sozialarbeiter, Marouen der Sozialpädagoge, starke Frauen wie der Direktorin Rafika, die die Zukunft Tunesiens mit gestalten werden. All sie, wie sie mit strahlenden Augen vor der Mauer des Jugendzentrums stehen und die leuchtenden Vögel betrachten, geben uns Hoffnung auf eine bunte, friedvolle Zukunft.


Photo Courtesy of Project Wallflowers

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