Ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni, Gründungsmitglied Voices of Jasmine e.V., für die tunesischen Wochen.

„Du weißt was mit kleinen Mädchen passiert, die ihre Siesta nicht machen! Die Tigaza kommt sie holen!“ „Aber Mima Zohra, ich bin doch gar nicht müde!“ Ich wehrte mich mit Händen und Füßen gegen dieses alltägliche Ritual meiner Großmutter. Es quälte mich um zwei Uhr nachmittags einen Mittagsschlaf halten zu müssen. Schließlich habe ich nicht umsonst das ganze Jahr über die Tage rückwärts gezählt, um in meiner geliebten Heimat, bei meiner Familie sein zu können. Und da soll ich jetzt schlafen?

In den Sommerferien wird nicht geschlafen

Die tunesische Mittagssonne ist zwar wirklich brennend heiß, aber ich wollte und konnte mich einfach nicht hinlegen. Das meine Großmutter bereits seit dem Morgengrauen auf den Beinen war, um frisches Brot aus dem Steinofen zu backen, den Hühnerstall zu säubern oder einen Berg Schmutzwäsche von Hand zu waschen, interessierte mich herzlich wenig. Ich wollte mit Opa spielen, ans Meer fahren und dabei ein erfrischendes Eis schlecken. Aber dann hieß es, ich solle mich bis zur ’Ashiya gedulden, wenn die Sonne tiefer am Himmel hängt und der Wind das Dorf von der glühenden Mittagshitze befreit. Also übte ich mich im Geduldig sein. Ich wartete bis meine Großeltern, Onkel und Tanten ins Schlummerland eintraten und schlich mich heimlich auf die Veranda. Das Haus meiner Großeltern stach mit seinen hohen Decken, großen Fenstern und dem Walmdach mit den kaminroten Dachziegeln in der ganzen Straße hervor. So ganz untypisch für den klassischen arabischen Flachdach-Baustil. Ein Andenken aus der französischen Protektoratszeit.

Ein Vakuum aus gähnender Langeweile und zeitloser Leere

Eine gefühlte Unendlichkeit saß ich auf den heißen Treppenstufen und wartete auf meine Retterin, der ’Ashiya. Der Blick abwechselnd von der Straße auf den Jasminstrauch und wieder zurück gerichtet. Nichts. Nichts regte sich. Anstelle von Kinderlärm, Hup- und Motorgeräuschen, machte sich eine erdrückende Stille breit. Ich fühlte mich wie in einem Vakuum aus gähnender Langeweile und zeitloser Leere. Selbst die Jasminblüten verschlossen sich, als wären sie ebenfalls gezwungen worden eine Siesta zu halten. Aber dann irgendwann zwischen vier und fünf Uhr kam sie endlich. Die erlösende ’Ashiya. Die Luft stand nicht mehr still. Man hörte die ersten Mofas in der Gegend herumdüsen und der dezente Duft von Jasmin verteilte sich in der Luft. Durchatmen.

Lachen. Weinen. Reden bis tief in die Nacht.

Jetzt lief die Zeit im Schnelldurchlauf. Meine Tante öffnete die Fensterläden und huschte in den Garten um kaltes Brunnenwasser für den täglichen Verenda-Putz zu holen. Da sich der Dreh- und Angelpunkt des sommerlichen Familientreibens auf der Veranda abspielte, musste diese auch täglich vom feinen Sand befreit werden. Das kalte Brunnenwasser kühlte ganz nebenbei den heißen Fliesenboden und meine kleinen Kinderfüße ab. Währenddessen bereitete meine Großmutter tunesischen Tee auf dem Kanoun (kleiner, rundförmiger Steinkohle-Grill) zu. Ein starker Cay-Tee mit viel Zucker, Minze und dem besonderen tunesischen i-Tüpfelchen: Pinienkernen. Diese sammelten sich oben im Teeglas an und bahnten sich bei jedem Nippen einen Weg in den Mund. Köstlich! Sobald der Veranda Boden trocken war, breitete meine Tante einen großen Teppich aus Plastik auf dem Boden aus. Entlang der Hauswand, legte sie Matratzen und Kissen zum gemütlichen beisammen Sitzen aus. Im Zentrum des Geschehens die Midaa, ein kleiner runder Holztisch worauf im Laufe des Abends diverse Knabbereien und frisches Obst platziert wurden. Jetzt handelte es sich nur noch um wenige Augenblicke bis sich Baba Othman zu uns auf die Veranda gesellte und sich seinen nachmittäglichen Thé Aḥmar bei Oma abholte. Wie ich es geliebt habe, mich bei Opa einzukuscheln und mich mit liebevoll einzeln herausgefischten Pinienkernen aus dem Teeglas füttern zu lassen. Da saßen wir nun den ganzen lieben Abend zusammen. Familienangehörige kamen spontan zu Besuch um die Familie aus Deutschland wiederzusehen. Geschichten und kleine Geschenke wurden ausgetauscht. Lachen. Weinen. Reden bis tief in die Nacht.

Das erlösende Gefühl von ’Ashiya

Baba Othman und Oma Zohra, Gott habe sie selig, verstarben bereits vor langer Zeit. Aber es sind genau diese kleinen Erinnerungen, die mich eine tiefe Verbundenheit an das Heimatland meiner Eltern spüren lassen und sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben. Ich bin davon überzeugt, dass ich seit damals ein besonderes Faible für Wind entwickelt habe. Selbst wenn ich weit weg von Tunesien bin, habe ich jedes Mal wenn ich auf meinem Fahrrad am Rhein entlang fahre und mir der Wind durch die Haare bläst, das erlösende Gefühl von ’Ashiya.

 

Dieser Beitrag wurde erstellt in Kooperation mit Charme und Melone und Voices of Jasmine e.V. für die tunesischen Wochen 

 

 

Rundum Storytelling Köln. Junge sitzt auf einer Mauer.

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Hier werden Sie über neueste Workshops, Events und Geschichten informiert!

Danke für dein Interesse an StoryAtelier!

Share This